Redner(in): Roman Herzog
Datum: 28. Januar 1999

Anrede: Meine Damen und Herren,
Quelle: http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Roman-Herzog/Reden/1999/01/19990128_Rede.html


wir haben zum Endspurt ins 21. Jahrhundert angesetzt. Als ich 1995 vor diesem Forum sprach, war das Thema noch Globalisierung. Heute sprechen wir schon von Globalität. Der Prozeß hat sich zum Zustand entwickelt. Globalität prägt den Übergang ins nächste Jahrhundert. Ihre Wirkungen zeigen sich in Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft.

Sie werden sich in den kommenden Tagen mit der Spannung zwischen Globalität und Verantwortung beschäftigen. Dabei stehen - das ist bei einem Weltwirtschaftsforum naheliegend - die Folgen wirtschaftlicher Globalität im Vordergrund. Die massiven Veränderungen, die die Welt erlebt, sind ja tatsächlich zu einem erheblichen Teil wirtschaftliche, wirtschaftlich motivierte oder sich wirtschaftlich auswirkende Prozesse: technische Durchbrüche, die industrielle Revolution hin zur Informationsgesellschaft, die globale Integration der Märkte, der Standortwettbewerb.

Wenn allerdings Kapital und Investitionen nur noch Faktorpreisen über den Globus hinterherjagen, dann stellt sich die Frage, ob da überhaupt noch etwas für Politik, Gesellschaft und Kultur übrig bleibt. Oder verfallen sie zu einer Restgröße globaler Wirtschaftsprozesse? Wird Politik womöglich zur bloßen Reparaturwerkstatt menschlich oder sozial schädlicher Wirtschaftsentwicklungen? Sagen wir es offen: Dann hätte Globalität die Politik ihres Wesens beraubt: ihrer Orientierung auf den Menschen hin, der im Mittelpunkt des Gemeinwesens steht und seine Gestalt bestimmt. Globalität zwingt uns nicht nur, nach einer neuen Weltwirtschafts- und -finanzordnung zu suchen, sondern auch nach einer weltweiten sozialen Ordnung. Wie kann der Mensch sich den Mittelpunkt zurückerobern? Läßt sich der Anpassungsdruck, den die Globalität auf die Politik ausübt, konstruktiv wenden und auf das Ziel globaler sozialer Gerechtigkeit ausrichten?

Manche erhoffen sich globale Gerechtigkeit von einem Weltkonsens über Mindeststandards. Aber wie soll dieser Konsens hergestellt werden? Bedarf es einer globalen Instanz, um diese Hoffnungen zu erfüllen? Der Traum von zentralstaatlicher Lenkung hat sich doch gerade als unerfüllbar erwiesen. Dennoch können wir etwas tun. Wir haben eine gute Chance, die Zügel wieder in die Hand zu nehmen, wenn wir auch die Politik globalisieren, und mit Politik meine ich Politik im weitesten Sinne, die die Bereiche der Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur mit einschließt. Im Zustand der Globalität haben alle diese Politikbereiche unweigerlich auch außenpolitische Dimensionen. Diese Dimensionen müssen wir allerdings aktivieren. Dann können wir die Globalität beherrschen, statt von ihr beherrscht zu werden.

Umgekehrt muß die klassische Außenpolitik, die sich 350 Jahre lang als Politik von Nationalstaaten gegenüber anderen Nationalstaaten verstanden hat, ihr Selbstverständnis ändern. Wenn sie nicht bedeutungslos werden will, muß sie sich dem neuen Zustand der Welt anpassen. Sie hat konzeptionellen Nachholbedarf. Um der Welt des 21. Jahrhunderts gerecht zu werden, muß sie den Prozeß der Globalisierung nachholen, ihren Inhalt und ihre Instrumente radikal erweitern und diversifizieren.

Manche hatten sich ausgerechnet, daß es nach der Auflösung des bipolaren Systems eine neue Zukunft der Nationalstaaten geben werde, mit 189 Staaten als unabhängigen Akteuren des internationalen Systems an Stelle der beiden Supermächte. Das war ein Irrtum. Zwar ist richtig, daß der Prozeß der Globalisierung mit Prozessen der Fragmentierung einherging. Aber nicht nur die beiden ideologischen Blöcke fragmentierten sich. Auch andere Großkollektive begannen zu bröckeln, auch der Nationalstaat selbst. Neben den nationalen Regierungen hatten schon lange zahllose transnationale Akteure in Wirtschaft und Gesellschaft, Wissenschaft und Kultur, Technik und Ökologie damit begonnen, ihre Anliegen und Botschaften global zu vertreten. CNN, das Rote Kreuz, Yehudi Menuhin, Politologen der Harvard University, das Internet und Greenpeace, von den Weltkonzernen ganz abgesehen, werden heute dezentral und ungesteuert außenpolitisch wirksam. Es gibt sie bereits, das Weltbürgertum und die globalen Zivilgesellschaften, auch wenn wir noch keine Weltverfassung haben.

Gleichzeitig brachte das Ende des bipolaren Systems alten und neuen Akteuren oberhalb der Ebene des Nationalstaates neue Wirkungsmöglichkeiten. Im Sicherheitsrat der VN scheitern multilaterale Initiativen zwar noch oft, aber sie scheitern nicht mehr automatisch am eigennützigen Veto der einen oder anderen Großmacht. Die Intervention in Bosnien fand mit einem Mandat des Sicherheitsrats statt. Die Interventionen im Kosovo und im Irak fanden zwar ohne Mandat, aber in sachlicher Anlehnung an Resolutionen der Vereinten Nationen zur Verhinderung von Völkermord und zur Nichtverbreitung von Massenvernichtungswaffen statt. Wer der NATO und den USA in diesen Fällen das Fehlen eines Mandats vorwirft, muß sich zumindest fragen lassen, ob er Völkermord oder die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen geschehen lassen will, wann immer es einem ständigen Mitglied des Weltsicherheitsrats gefällt, aus Gründen nationalen Interesses sein Veto einzulegen.

Auch ein neues internationales Strafrecht ist im Entstehen; Kriegsverbrecher und Völkermörder können nicht mehr mit Straflosigkeit rechnen. Die WTO wurde gegründet. NATO und EU erweitern sich nach Osten. Mit dem Euro ist die erste überstaatliche Währungsunion seit dem Ende des Goldstandards entstanden. In Asien und Amerika fragt man sich, wie sich die Wechselkursrelationen des Euro zu Dollar und Yen gestalten werden. All das - wer kann es bezweifeln? - liegt weit außerhalb des Horizonts der klassischen Außenpolitik von Nationalstaaten.

Damit erhebt sich nun allerdings die Frage, welcher Art die Ergebnisse sind, die das ungesteuerte Aufeinandertreffen außenpolitischer Interessen subnationaler, nationaler und supranationaler Gemeinschaften haben kann. Ist das Thema "Globalität und Verantwortung" etwa ein Widerspruch in sich? Müssen wir mit dem Chaos rechnen? Oder können wir darauf vertrauen, daß alle Beteiligten ihr wohlverstandenes Eigeninteresse in der Kommunikation und in der Kooperation sehen?

Eine Weltregierung mag noch Zukunftsvision sein. Ich behaupte jedoch, daß wir auch ohne sie bereits eine Weltinnenpolitik haben, nämlich die Summe des Wirkens der unzähligen Träger außenpolitischer Botschaften, die ich gerade beschrieben habe. Auch in Nationalstaaten, zumindest demokratisch verfaßten, ist Politik ja keineswegs nur Sache der Regierungen, sondern Tausender von Anliegen und Interessen. Die Frage ist lediglich, ob wir mit den Ergebnissen dieser Weltinnenpolitik zufrieden sein können oder nicht.

Zufrieden werden wir nur sein können, wenn wir von der nationalen Interessenpolitik der vergangenen Jahrhunderte in eine Ära globaler Verantwortungspolitik gelangen. Im Augenblick sehe ich nur sehr wenige, die bereit sind, globale Verantwortung zu übernehmen. Den USA wird gelegentlich vorgeworfen, sie maßten sich eine Weltpolizistenrolle an. Aber ich frage Sie: Was täten wir in Fällen der Lähmung des Sicherheitsrats, wenn es die USA nicht gäbe? Wir müßten sie erfinden - oder uns selbst zum Handeln aufraffen. Ich sehe auf der Weltbühne kaum jemanden außer den USA, der bereit und in der Lage ist, globale Verantwortung zu übernehmen. Denken Sie an die Notwendigkeit, in Menschenrechtsfragen oder bei der Suche nach friedlichen Konfliktlösungen? zum Beispiel im Nahen Osten? die Führung zu übernehmen. Was täten wir ohne die USA? Die internationale Politik ist auf ihre Entscheidungsfähigkeit und Entscheidungsbereitschaft ebenso angewiesen wie die Weltwirtschaft auf ihre Dynamik. Es wäre wünschenswert, daß mehr Nationalstaaten solche Verantwortungsbereitschaft zeigen!

Die Weltinnenpolitik könnte hervorragende Ergebnisse haben, wenn möglichst viele Beteiligte bei ihrem außenpolitischen Wirken eine Reihe von Maximen befolgen würden. Mangels Weltregierung können Maximen außenpolitischen Handelns nicht verordnet werden. Aber sie entsprächen, um einen Begriff des Philosophen Hans Jonas zu benutzen, einem "Imperativ der Verantwortung". Es läge im langfristigen Eigeninteresse aller Beteiligten, wenn jeder einzelne Akteur sie freiwillig befolgen und so in berechenbarer Weise an dem teilnehmen würde, was ich globale Verantwortungsgemeinschaft nennen möchte. Aus Maximen dezentralen Handelns lassen sich konzertierte Strategien einer vorbeugenden globalen Außenpolitik ableiten. Eine präventive Außenpolitik würde Krisen durch das Bewußtmachen gemeinsamer Interessen zuvorkommen und sie nicht erst dann zu heilen versuchen, wenn sie bereits ausgebrochen sind. Sie würde zu verstärkter internationaler Koordinierung und zur Verdichtung des Geflechts der globalen Kooperation führen.

Acht solcher Maximen möchte ich hier nennen, und ich hoffe auf die Unterstützung dieses Forums bei ihrer Verbreitung unter allen, die es angeht.

Erstens sollte jeder außenpolitische Akteur es als seine Verantwortung betrachten, die globale Verbreitung von Demokratie als Friedensstrategie zu unterstützen - denn der Kant ' sche Satz, daß Demokratien untereinander keinen Krieg führen, mag zwar nicht hundertprozentig richtig sein, er wurde seit 1945 in Europa aber eindrucksvoll bestätigt und hat seit den 70er Jahren auch in Afrika, Asien und Lateinamerika zentrale Bedeutung gewonnen. Ohne Demokratie kann es keinen dauerhaften Frieden geben, weder nach außen noch im Inneren.

Zweitens möchte ich dafür werben, den Schutz der fundamentalen Menschenrechte als weltweiten Mindeststandard durchzusetzen, denn er ist der erste Schritt zur Demokratie. Wir haben 1998 immerhin schon den 50. Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte begangen.

Drittens müssen wir dem Nationalismus, dem Wettrüsten und der hergebrachten Machtpolitik abschwören. Sie alle entspringen Denkweisen aus dem 19. Jahrhundert, die wir in Europa schon weitgehend überwunden haben. Eine Neuauflage dieser historischen Fehler Europas wäre für die gesamte Welt katastrophal.

Meine vierte Maxime ist es, die gerade überwundene ideologische Konfrontation des Kalten Krieges nicht etwa durch Szenarien globaler Kulturkriege zu ersetzen, als ob die Menschheit nicht auch ohne das Gesetz des Dschungels leben könnte. Natürlich erleben wir täglich fundamentalistische Gewalt mit kulturellen und religiösen Rechtfertigungsversuchen, in Europa, Amerika, Asien und anderen Weltteilen gleichermaßen. Aber bei genauer Betrachtung ist all das letzten Endes ein Kampf gegen die jeweils eigene Zivilisation. Es gilt zu verhindern, daß sie zu weltbeherrschenden Konflikten werden.

Mit meiner fünften Maxime möchte ich dafür werben, in der globalisierten Weltwirtschaft auf die Politik des "beggar thy neighbour" zu verzichten. Abwertungswettläufe, Sozialdumping und Protektionismus haben sich als untaugliche Versuche erwiesen, seine eigenen Probleme zu Lasten der Handelspartner zu lösen. Wir würden mit der Verbreitung solcher Politikmuster in eine Abwärtsspirale der Weltwirtschaft geraten, ja u. U. zu Depressionen, die nur mit der Weltwirtschaftskrise vor siebzig Jahren vergleichbar wären. Und ein Verstoß gegen diese Maxime wäre zutiefst irrational.

Wir sollten, sechstens, aktiv eine Strategie der Kommunikation als Mittel der Vertrauensbildung verfolgen. In Europa haben wir mit der KSZE - einem Prozeß der Kommunikation über ideologische und geographische Grenzen hinweg - den historischen Durchbruch zur Überwindung der Teilung Europas und Deutschlands erfolgreich flankiert und abgefedert. Dieses Muster läßt sich, wie ich meine, an vielen Stellen der Welt wiederholen.

Als siebte Maxime schlage ich globales, kulturübergreifendes Lernen und Forschen bei der Lösung sachlicher Probleme vor. Wir brauchen eine globale Lern- und Forschungsgemeinschaft, um der globalen Natur der großen Herausforderungen unserer Zeit gerecht werden zu können. Denken Sie an die Stabilisierung der Weltwirtschaft, die Wiederherstellung des ökologischen Gleichgewichts oder an die Bekämpfung des internationalen Verbrechens. Denken Sie an die uns alle angehenden Aufgaben der Friedenserhaltung, Konfliktvermeidung und Streitbeilegung.

Lassen Sie mich nur zwei eindrucksvolle und durchaus kulturübergreifende Beispiele der Möglichkeit wirtschaftspolitischen Lernens nennen. In den achtziger Jahren haben die USA sehr aktiv Lehren aus japanischen Mustern vorwettbewerblicher Forschungskooperation in der Mikroelektronik gezogen. Und in den neunziger Jahren haben Japan und Europa allen Anlaß, aus amerikanischen Mustern der Haushaltssanierung, des geldpolitischen Pragmatismus und des wissengestützten Wachstums zu lernen.

Mit meiner achten und letzten Maxime möchte ich schließlich zur verbesserten Nutzung bereits vorhandener Instrumente internationaler und interregionaler Kooperation auffordern. Dabei denke ich besonders an die regionale Integration oberhalb des Nationalstaats. Ich denke hier natürlich an die Europäische Union, die mit dem Euro gerade einen entscheidenden Schritt der Integration getan hat, der gleichzeitig das globale Währungssystem einschneidend verändern wird. Aber NAFTA, SADC, ASEAN, Mercosur und andere Zusammenschlüsse zeigen, daß die Idee der regionalen Integration überall gezündet hat.

Es ist an uns, diese Maximen in konkrete Strategien vorbeugender Außenpolitik umzusetzen."Gute Ordnung" als Ziel und Maßstab internationalen politischen Handelns sollte uns dabei leiten. Es ist auch an uns, gemeinsam zu klären, was wir unter "guter Ordnung" verstehen und woran wir sie messen. Entwickeln wir ein neues, klares Verständnis für die Anforderungen vorbeugenden Handelns, für die Mittel und Ressourcen, die dazu notwendig sind, und werben wir für innenpolitische Unterstützung.

Das wird in unseren Gesellschaften einfacher sein, wenn deren Betroffensein von globalen Risiken erst einmal das öffentliche Bewußtsein erreicht hat. Es gibt Gebiete, auf denen dieses gemeinsame Betroffensein schon jetzt bewußt ist. Dabei denke ich an den Umgang mit der Umwelt, bei dem ein Verhalten in einem Teil der Welt massive Konsequenzen in anderen Teilen der Welt hat. Ich denke auch an die Kriminalität, die Grenzen überschreitet und mit nationaler Politik nicht mehr wirksam eingedämmt werden kann. Vor allem denke ich aber an das Weltwirtschaftssystem, in dem wir im letzten Jahr heftige Ausschläge der Kapitalmärkte erlebt haben, die überall gleichermaßen als bedrohlich empfunden wurden.

Es gibt auch Entwicklungen, die uns zwar ebenfalls alle betreffen, deren Konsequenzen wir uns aber noch nicht klargemacht haben. Wie sollen wir beispielsweise die Probleme lösen, die aus den demographischen Entwicklungen entstehen - ein rasantes Bevölkerungswachstum in den Entwicklungsländern einerseits, die wachsende Zahl von Ruheständlern in den reifen Industrienationen andererseits? Wie sollen wir mit der Auflösung des sozialen Zusammenhalts, mit der Allgewalt des Konkurrenzbewußtseins zu Lasten der Solidarität umgehen?

Erste Voraussetzung für vorbeugendes Handeln ist, daß wir unsere Gesellschaften so weit wie möglich freiheitlich gestalten. Offene, freiheitliche Gesellschaften verfügen über ganz besondere Kraftquellen. Sie erschließen den Zugang zu allen dezentralen Ideenquellen von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur. Manche mögen es noch als paradox empfinden, aber ich glaube, die Geschichte Europas ist der augenfälligste Beweis, daß freiheitliche Gesellschaften trotz allen demokratischen Streits, trotz aller kreativen Unruhe langfristig stabiler und friedlicher sind als unfreie, regulierte, administrierte Gesellschaften. Also müssen wir den Politiken eine Absage erteilen, die aus Feigheit, Opportunismus oder aus Furcht vor Machtverlust Reformen verweigern. Die Bürger erkennen sehr genau, daß sie es sind, die am Ende die Zeche für solche Versäumnisse zahlen. Deshalb Schluß mit politischer Engherzigkeit!

Um über die Vorteile vorbeugender Strategien im Vergleich zur nachhinkenden Schadensbegrenzung nachzudenken, brauchen wir nur an die Krisen der letzten Jahre anzuknüpfen, zum Beispiel an die Devisen- und Kapitalmarktkrisen in Asien, Rußland und Lateinamerika. Notwendig sind hier "Leitplanken" um die Märkte, die Panikreaktionen verhindern und Vertrauen in die Verläßlichkeit von Märkten schaffen. Ein Schlüssel zu mehr Stabilität und Berechenbarkeit wäre die internationale Koordinierung der Wirtschaftspolitiken der führenden Industriestaaten. Solche Koordinierung sollte nicht als unaussprechliches "C word" verdammt, sondern als Muster für verantwortlichen Umgang mit Globalität genutzt werden. Wenn, wie gerade jetzt, die Gefahr einer weltweiten Deflation nicht auszuschließen ist, dann liegt es in der Verantwortung der jetzigen Regierungen und Zentralbanken, die noch Spielraum zum Handeln haben, das ihre zur Belebung der Weltwirtschaft zu tun. Das ist auch dann der Fall, wenn die eigene Volkswirtschaft vorläufig noch nicht von deflationärer Ansteckung erfaßt zu sein scheint. Vorbeugend zu handeln ist auch hier effizienter als nachträgliches Krisenmanagement.

Auch die europäischen und japanischen Gedanken zur Stabilisierung der Wechselkurse zwischen Euro, Dollar und Yen sollten nicht von vornherein als dogmatische Häresie abgetan werden. Ich darf daran erinnern, daß es ein koordiniertes Management der Wechselkurse schon bei der einvernehmlichen Abwertung des Dollar nach dem Plaza Agreement 1985 und erneut zur Stützung des Dollar im Sommer 1995 gegeben hat. Warum soll so etwas nicht auch in Zukunft möglich sein?

Die jüngsten Finanzmarktkrisen in Südostasien oder in Rußland hängen zweifellos auch damit zusammen, daß die Bankenaufsicht in diesen Ländern nicht ausreichend war. Könnte nicht ein gemeinsames System von Solvabilitäts- und Bonitätsregeln für Banken, das z. B. der IWF, die Weltbank und die EBRD gemeinsam entwickeln könnten, diese Regeln international durchsetzen und durch wirksame Kontrollen sichern?

Langfristiges strategisches Ziel sollte die weltweite Beachtung von Regeln einer sozialen Marktwirtschaft sein, die die Wohlstandsgewinne der Märkte mit dem Schutz vor gravierenden sozialen Verwerfungen verbindet. Deutschland ist mit der Entwicklung der sozialen Marktwirtschaft nach dem Krieg die Stärkung der sozialen Integrationskraft des kapitalistischen Systems gelungen. Das wird ihm von manchen Vertretern des "laissez faire" als Häresie angelastet, entwertet aber nicht die Idee der sozialen Marktwirtschaft. Wir Deutschen wollen natürlich niemanden belehren. Das ist aber auch gar nicht nötig. Denn auch Adam Smith war ein Moralphilosoph, für den die unsichtbare Hand des Marktes nicht Selbstzweck, sondern ein Mittel zur Beseitigung "barbarischer Verhältnisse" war. Auch er plädierte, was häufig übersehen wird, für öffentliche Infrastrukturen auf den Gebieten der Erziehung, des Gesundheitswesens und des Schutzes der Arbeitnehmer vor sozialen Härten.

Wenn wir schon über Weltinnenpolitik nachdenken, dann muß sie auch gegründet sein auf einer Weltsozialordnung. Leistungsfähigkeit, Effizienz und sozialer Ausgleich müssen weltweit miteinander integriert werden, wenn es global nicht nur soziale, sondern auch politische und wirtschaftliche Stabilität geben soll.

Was schließlich das Verhältnis der Entscheidungsebenen betrifft, von subnationalen über nationale, supranationale bis zu multinationalen, so fehlt es keineswegs an einem transkulturell überzeugenden Ordnungsprinzip. Entscheidungen sollten auf der Ebene getroffen werden, auf der die besten Informationen zusammenfließen und auf der am besten für ihre Durchführung gesorgt werden kann. Die Schweiz praktiziert dieses Prinzip seit 700 Jahren, die USA seit 200 Jahren, Deutschland seit 1949 und die Europäische Union seit 1957. Dieser Erfahrungsschatz steht allen Interessierten offen.

Besonders am Herzen liegt mir die Intensivierung des Dialogs zwischen den Kulturen, um dem oft beschworenen Szenario eines "clash of civilizations" vorzubeugen. Wie in der Zeit der ideologischen Konfrontation zwischen Ost und West der Rüstungskontrolle kommt heute dem Dialog zwischen den Kulturen eine vertrauensbildende und damit friedenssichernde Rolle zu. Die Globalisierung, aber auch die immer neuen technischen Durchbrüche und die Verstärkerrolle der Medien haben zur Folge, daß die verschiedenen Kulturen schneller und intensiver aufeinander einwirken als jemals zuvor in der Geschichte der Welt. Darin liegen Chancen: Die Freiheit des Informationsaustausches macht es den Kulturen möglich, sich gegenseitig zu bereichern. Das hält sie lebendig und bewahrt sie vor musealer Erstarrung. Mehr Transparenz würde im übrigen auch mehr Wahrheit ermöglichen.

Ich will aber nicht verschweigen, daß das Ziel nicht eine globale Massenkultur sein kann. Diese provoziert auch Widersprüche, allerdings weniger zwischen den großen Weltkulturen, als innerhalb der Kulturen zwischen den Kräften der Moderne und den Kräften der Tradition. Unsere "entgrenzte" Welt führt nicht immer zu nützlicher Integration, sondern sie kann auch zu schmerzlichen Verlusten an Identität und Geborgenheit führen. Wir Menschen brauchen aber die gelassene Verwurzelung in Geschichte und Kultur. Aus Ressentiments und trotziger Selbstbehauptung können dagegen Intoleranz und Abweisung entstehen.

Deshalb ist der interkulturelle Dialog so wichtig. Die Politik muß ihn führen und fördern. Versagt sie, so besteht die Gefahr, daß konfliktbereite Teile der Gesellschaften Tradition, Kultur und Religion manipulieren, um sie im Interesse der Machtpolitik oder im wirtschaftlichen Wettbewerb zu instrumentalisieren. Das gilt es zu verhindern. Wir müssen hier über das Materielle hinausdenken. Aung San Suu Kyi, die Vorkämpferin für Demokratie und Menschenrechte in Myanmar, führt zweifellos abschreckende Erscheinungen der westlichen Gesellschaften nicht auf die Demokratie, sondern auf den modernen Materialismus zurück, der kulturelle und menschliche Werte beiseite schiebt und in dem das Geld die Oberherrschaft hat. Sie hat vollkommen recht. Wir dürfen die Seele der Völker nicht vergessen.

Sehr ermutigt fühle ich mich auch durch den iranischen Staatspräsidenten Mohammad Chatami. Er hat die islamischen Gesellschaften aufgefordert, sich nicht in der Trutzburg der Tradition zu verschanzen, sondern sich der Moderne zu öffnen, ohne sich einem hemmungslosen Materialismus hinzugeben. Sein Aufruf zum Dialog der Religionen und seine Initiative für ein "internationales Jahr des Kulturdialogs" verdienen jede Unterstützung. Sie scheinen mir für eine Politik zu stehen, die darauf abzielt, Vertrauen durch mehr Wissen übereinander und mehr Respekt voreinander zu schaffen.

Sie sehen also, ich setze mich für nichts Geringeres als eine grundlegende Veränderung unseres Denkens ein. Globalität des Denkens muß an die Stelle von geistigen Besitzständen, der Mensch in den Mittelpunkt allen politischen Handelns treten. Nur dann haben wir die Chance, Globalität nicht als Bedrohung, sondern als Herausforderung mit guten Möglichkeiten für eine neue Qualität der Zusammenarbeit zu nutzen und das 21. Jahrhundert positiv zu gestalten. Die Augen vor der Globalität zu verschließen wäre falsch.

Generalsekretär Kofi Annan denkt für das nächste Millenium an den Dialog einer weltweiten Zivilgesellschaft. Die Vereinten Nationen sehen also die Weltgemeinschaft als weltweite Verantwortungsgemeinschaft. Gehen wir noch einen Schritt weiter und sehen die Weltgemeinschaft als Chancengemeinschaft! Lassen wir die Anarchie der nationalstaatlichen Interessenpolitik hinter uns. Nutzen wir das Zusammenspiel globalisierter Außenpolitiken als Weltinnenpolitik. So kann aus dem internationalen System der Nationalstaaten ein globales politisches System werden. Setzen wir schon heute auf die Bürger dieser Weltgemeinschaft. So kann dem Jahrhundert der Kriege ein Jahrhundert des Friedens folgen.

Das ist - jeder weiß es - im Augenblick nur eine Chance. Aber es ist eine Chance, die wir nie mehr aus den Augen lassen sollten.