Redner(in): Joachim Gauck
Datum: 3. Juli 2014

Untertitel: Bundespräsident Joachim Gauck hat am 3. Juli bei der Preisverleihung im Schulwettbewerb des Bndespräsidenten zur Entwicklungspolitik eine Ansprache gehalten: "Der Schulwettbewerb zur Entwicklungspolitik fördert eine Haltung der Verantwortung. Er lässt Respekt und Vertrauen wachsen. Und er macht Hoffnung, dass es uns in Zukunft noch besser gelingen wird, international zusammenzuarbeiten."
Quelle: http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Joachim-Gauck/Reden/2014/07/140703-Schulwettbewerb-Entwicklungspolitik.html


Herzlich willkommen zu einem besonders schönen Termin hier im Schloss Bellevue. Dieses Schloss ist auch ein Haus der Bevölkerung, der mittelalten und der alten, sehr oft aber der jungen Generation, die wir hier mit besonderer Freude begrüßen, wenn sie Dinge macht, die uns alle interessieren und die uns in der Gesellschaft voranbringen.

Dies ist ein Schloss, in dem man sich auch einschließen könnte. Aber wir wollen hier ein offenes Haus haben, und heute sehen wir die ganze Offenheit, die sich gerade auch auf diese, auf Eure Generation erstreckt.

Hier begegnen sich Bürger aus dem ganzen Land, hier tauschen sich Menschen aus der ganzen Welt aus über ihre Erfahrungen. Es ist ein Ort, der wie geschaffen ist für die Preisträger eines Wettbewerbs zur Entwicklungspolitik. Und das ist der Grund, warum ich mich besonders freue, Euch und Sie alle hier heute zu sehen. Die Welt beginnt vor deiner Tür." So lautete das Thema unseres Wettbewerbs. Ihr alle habt den Schritt vor die Tür gewagt, Ihr seid auf Entdeckungsreise gegangen. Und das ist ja manchmal gar nicht so leicht, manchmal kostet es sogar Überwindung! Denn oft löst das, was wir nicht kennen, auch Ängste in uns aus und lässt uns Abstand halten. Und dieses Unbekannte kann uns manchmal sogar in unserer direkten Nachbarschaft begegnen. Auch dort kann es passieren, dass Ängste entstehen oder Furcht wächst. Und wenn wir uns draußen in der weiten Welt umschauen, dann stoßen wir auf so viel Unrecht und Ungerechtigkeit, auf so viel Not und Elend, dass andere Gefühle wach werden als Angst oder Furcht. Da spüren wir dann Zorn und Wut oder sind einfach traurig. So geht es uns etwa, wenn Flüchtlinge, die in unserer Stadt leben, von ihren Schicksalen erzählen. Oder wenn wir erfahren, unter welchen Bedingungen das T-Shirt hergestellt ist, das ich vielleicht gerade am liebsten trage.

In Deutschland können alle Kinder und Erwachsenen in Freiheit und Sicherheit leben. Manchmal machen wir uns gar nicht mehr klar, was für ein großes Geschenk das ist und wie dankbar wir eigentlich sein könnten. Viele spüren auch, dass wir, weil es uns so geht, eine besondere Verantwortung dafür tragen, wie es Menschen in anderen Ländern geht, die es nicht so gut haben.

Als ich in Eurem Alter war, da war gerade der Krieg vorbei und viele Menschen litten bittere Not, hatten nichts anzuziehen oder keine Schuhe, oft nichts zu essen und hausten unter erbärmlichen Bedingungen. Viele waren in Ställen untergebracht statt in einer Wohnung. Das kennt Deutschland auch, aber ihr kennt es nicht mehr, nur die Älteren kennen es noch. Unser Land, dieses tiefe Gefühl habe ich in mir, darf sich nicht verschließen, und es darf nicht nur bequem und gleichgültig sein.

Denn wir leben nicht auf einer Schlossinsel, sondern mitten in einer Welt, in der es vielen, vielen Menschen so anders geht als uns. In dieser Welt ist es so, dass wir miteinander vielfältige Beziehungen haben. Es ist ja nicht mehr so, wie zu der Zeit, als ich Kind war. Heute arbeiten Menschen in vielen Teilen der Welt für deutsche Firmen, wir handeln mit den fernsten Ländern, und es interessiert uns auch, was in diesen Ländern passiert.

Und Ihr, liebe Preisträgerinnen und Preisträger, die Ihr heute hier eingeladen seid, Ihr habt Euch nun mit Mut und Interesse dieser weiten Welt zugewandt. Ihr habt junge Menschen aus Afrika, aus Asien, aus Lateinamerika kennengelernt und versucht, einmal die Welt durch ihre Augen zu betrachten. Ihr habt miteinander gelernt und Ihr habt voneinander gelernt zum Beispiel, dass man kulturellen Reichtum auch dort finden kann, wo ansonsten große Armut herrscht. Und Ihr konntet erfahren, dass solche Begegnungen uns bereichern, dass sie uns auf Ideen bringen. Dass wir plötzlich etwas gestalten können oder Einfälle haben, die wir sonst nicht hatten. Und dass durch solche Ideen und Einfälle in uns das Gefühl wächst, wir können Dinge auch verändern.

Mit Euren Projekten begebt Ihr Euch auf so eine Spur. Und das ist etwas, was mir wirklich am Herzen liegt: diese Spur zu finden, die das Miteinander der Verschiedenen dann zu einer Normalhaltung in unserer Bevölkerung macht. Ja, das Miteinander der Verschiedenen.

Die Vielfalt unserer Einen Welt, sie spiegelt sich auch in Euren Beiträgen wider. Sie zeigen, wie viel Herz, wie viel Verstand und wie viel Fantasie in Euch stecken. Und ich finde es schön, dass diesmal wieder so viele künstlerische Arbeiten dabei sind, vom Bilderbuch bis hin zum Musical. Eine Gruppe, die nachher ausgezeichnet werden wird, hat ein Kartenspiel erfunden, das nennt sich das "globale Chancenquartett". Es spielt mit Klischees und macht doch auf einen Blick eine unbequeme Wahrheit deutlich: Manche Menschen haben ganz gute Karten, wenn sie auf diese Welt kommen, andere eher schlechte oder ganz schlechte je nachdem, wo sie geboren wurden, welches Geschlecht sie haben und wer ihre Eltern sind.

Mit dieser Wahrheit wollt Ihr Euch nicht abfinden. Ob Ihr Euch nun mit fairem Handel beschäftigt habt, mit Kinderrechten oder mit dem Thema Gleichberechtigung von Mädchen und Frauen: Euch ist bewusst geworden, dass unser Handeln Einfluss hat auf das Leben von Menschen in weit entfernten Ländern. Und Ihr habt ganz tolle Ideen entwickelt, wie wir vor der eigenen Haustür damit beginnen können, die Zukunft unserer Welt mitzugestalten. Auch wenn wir weltweite Probleme anschauen und finden, dass sie sehr kompliziert sind, auch wenn es nicht immer einfach ist, Gutes zu tun: Ihr habt trotzdem klar gemacht, dass wir etwas tun können. Das ist eine wichtige Sache. Denn auch wenn wir nicht alles tun können, können wir doch immer etwas tun. Und mit dem, was wir tun, können wir auch unsere Welt verändern und verbessern.

So senden Eure Beiträge auch eine Botschaft der Solidarität aus: Nein, es ist uns in Deutschland nicht egal, dass jedes Jahr Millionen Kinder auf unserem Planeten sterben, dass unzählige junge Menschen keine Chance haben, zur Schule zu gehen oder einen Beruf zu erlernen. Das ist uns nicht egal. Nicht egal ist uns auch, dass viele Menschen kein sauberes Trinkwasser haben und medizinisch nicht gut versorgt werden können. Und es ist uns auch nicht egal, dass so viele Familien mit Kindern flüchten müssen, weil sie in ihrer Heimat keinen Frieden finden und keinen sicheren Ort zum Wohnen und Leben.

Liebe Schülerinnen und Schüler,

ich danke Euch für Eure Denkanstöße und für Euer Engagement. Und ich bitte Euch: Macht weiter so! Steckt möglichst viele von Euren Freunden an mit Eurer Begeisterung, mit Eurer Tatkraft. Ihr gehört zu der größten Generation junger Menschen, die je auf diesem Planeten gelebt hat. Ihr seid von einem internationalen Geist erfüllt und über die digitalen Medien könnt Ihr Euch weltweit mit Euren Altersgenossen vernetzen. Ihr könnt also viel bewegen!

Und Sie, liebe Lehrerinnen und Lehrer,

Sie haben Ihre Klassen und Lerngruppen dabei unterstützt zu erfahren, was uns in der Einen Welt verbindet. Viele von Ihnen haben das Thema Entwicklungspolitik erst in ihre Schulen eingebracht in den Fachunterricht, in die Projektwochen oder sogar als festes Profil der Schule. Ich danke Ihnen herzlich für Ihren Einsatz! Ich danke auch unseren Partnern für die hervorragende Zusammenarbeit. Und ich bitte Sie alle: Bleiben Sie diesem wunderbaren Wettbewerb verbunden!

Der Schulwettbewerb zur Entwicklungspolitik fördert eine Haltung der Verantwortung. Er lässt Respekt und Vertrauen wachsen. Und er macht Hoffnung, dass es uns in Zukunft noch besser gelingen wird, international zusammenzuarbeiten. Sie alle Schüler, Lehrer und Partner haben gezeigt: Es ist gut, wenn wir unsere Herzen öffnen, unseren Verstand gebrauchen und über Grenzen hinweg miteinander sprechen!

Ich freue mich auf die Preisverleihung und auf viele Begegnungen mit Euch, wenn wir uns nachher noch nebenan treffen können.

Herzlichen Dank!