Redner(in): Joachim Gauck
Datum: 11. Mai 2015

Untertitel: Bundespräsident Joachim Gauck hat am 11. Mai beim Staatsbankett zu Ehren des Präsidenten des Staates Israel, Reuven Rivlin, und Nechama Rivlin eine Rede gehalten: "Israel und Deutschland sind durch die Erinnerung an die Schoah miteinander verbunden. Wir Deutschen sind uns unserer moralischen Verpflichtung gegenüber dem jüdischen Volk und dem Staat Israel bewusst, und wir werden nicht zulassen, dass dieses Bewusstsein verblasst."
Quelle: http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Joachim-Gauck/Reden/2015/05/150511-ISR-Staatsbankett.html


Ihnen allen ein herzliches Willkommen im Schloss Bellevue!

Ihr Besuch in unserem Land steht im Zeichen eines besonderen Jubiläums: Vor fünfzig Jahren, am 12. Mai 1965, nahmen Israel und die Bundesrepublik Deutschland diplomatische Beziehungen auf. Ich freue mich, diesen Jahrestag gemeinsam mit Ihnen zu feiern. Und ich danke Ihnen von Herzen, dass Sie nach Berlin gekommen sind. Das ist mehr als eine Geste des Vertrauens und der Verbundenheit. Es ist Ausdruck unserer engen Partnerschaft und Freundschaft, einer Freundschaft, die zwischen unseren beiden Ländern Jahr um Jahr gewachsen ist.

Was sich in den vergangenen fünf Jahrzehnten zwischen Israelis und Deutschen ereignet hat, das hätte 1965, als wir beide ein wenig jünger waren, kaum jemand für möglich gehalten. Chaim Herzog, der als erstes israelisches Staatsoberhaupt die Bunderepublik besuchte, fand dafür das richtige Wort: Es ist ein Wunder, dass sich nach der Schoah Versöhnung und Verständigung entwickeln konnten. Möglich wurde dieses Wunder durch das Vertrauen, das die Israelis uns Deutschen geschenkt haben. Wir haben dieses Geschenk voller Dankbarkeit und Demut angenommen, zunächst im Westen, später dann, nach der Friedlichen Revolution, auch im Osten.

Heute blicken wir auf eine einzigartige Vielfalt der Beziehungen, auf ein lebendiges Miteinander in Politik und Gesellschaft, in Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur. Auf politischer Ebene sind die Kontakte so eng, dass unsere Kabinette regelmäßig zu Regierungskonsultationen zusammenkommen. Ich möchte meiner besonderen Freude Ausdruck verleihen, so viele Bundesministerinnen und Bundesminister heute Abend im Schloss Bellevue zu sehen. Herzlichen Dank!

Sie, sehr verehrter Herr Präsident, haben sich in besonderer Weise um die Beziehungen zwischen Knesset und dem Deutschen Bundestag verdient gemacht. Am meisten freut mich, dass Israelis und Deutsche sich auch jenseits des politischen Betriebs in unzähligen Begegnungen kennenlernen, und das nicht zuletzt hier in Berlin: Junge Künstler und Studenten aus Israel bereichern diese Stadt, in der einst die deutsch-jüdische Kultur blühte, und es ist schön, in den Straßen Hebräisch zu hören. Auf der anderen Seite sind viele Deutsche von Israel fasziniert, und das seit Jahrzehnten. Die meisten, die Jerusalem und das biblische Land besucht haben, lässt dieses Erlebnis nicht mehr los.

Eines ist ganz klar: Unsere normalen Beziehungen sollen auf immer besondere Beziehungen bleiben. Israel und Deutschland sind durch die Erinnerung an die Schoah miteinander verbunden. Wir Deutschen sind uns unserer moralischen Verpflichtung gegenüber dem jüdischen Volk und dem Staat Israel bewusst, und wir werden nicht zulassen, dass dieses Bewusstsein verblasst. Was unsere beiden Länder aber darüber hinaus verbindet, sind die Werte, für die wir gemeinsam stehen. Es liegt in unser beider Interesse, Freiheit und Vielfalt, Demokratie und Menschenrechte zu verteidigen. Auf diesem festen normativen Fundament wollen wir unsere Zukunft gemeinsam gestalten.

Ich weiß, dass Sie in Israel mit großer Sorge auf antijüdische Aggressionen in Europa blicken. Auch in Deutschland hat sich im vorigen Jahr bei Demonstrationen gegen die Politik und das militärische Eingreifen Israels in Gaza bösartiger Antisemitismus zu Wort gemeldet. Die überwältigende Mehrheit der Deutschen hat das erschüttert und beschämt. Ganz gleich, aus welchem Ungeist dieser Antisemitismus sich speist, ob er von Rechtsradikalen oder Linksradikalen kommt, von Alteingesessenen oder von Einwanderern: Wir werden ihn in unserem Land nicht dulden. Wir werden auch nicht zulassen, dass Fanatiker das politische Klima vergiften und Angst verbreiten.

Auch die Nachrichten von Terror und humanitärem Leid im Nahen und Mittleren Osten erschüttern viele Menschen in Deutschland. Es ist uns nicht gleichgültig, wenn die Heimstatt für alle Juden der Welt, die einzige Demokratie in der Region, von Terrorismus und Staatszerfall in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft bedroht wird. Deutschland wird auch in Zukunft als Freund an Israels Seite stehen. Wenn es um den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern geht, sind wir in Deutschland weiter davon überzeugt, dass ein dauerhafter Friede nur mit einer Zwei-Staaten-Lösung möglich ist. Und wir wünschen uns, dass beide Seiten aufeinander zugehen und die Rechte des jeweils anderen anerkennen. Wir bedauern deshalb, dass die Gespräche mit den Palästinensern ausgesetzt worden sind.

Auch mit Blick auf den Iran halten wir Verhandlungen für den besten Weg, um Israels Sicherheitslage zu verbessern. Deutschland und seine europäischen Partner stehen weiterhin bereit, alle Initiativen zu unterstützen, die zu friedlichen Lösungen in Israels näherer und weiterer Nachbarschaft beitragen können. Wir haben uns übrigens bei unserem Gespräch heute ausführlich über diese beiden Themen, wo wir nicht völlig einer Auffassung sind, unterhalten, in Offenheit und Freundschaft. Für diese Offenheit und diese Freundschaft auch in solchen Situationen bin ich außerordentlich dankbar, Herr Präsident.

Wie tief die israelisch-deutschen Beziehungen mittlerweile in unseren Gesellschaften verwurzelt sind, davon zeugen die zahllosen Veranstaltungen in diesem Jubiläumsjahr. Mein Dank gilt den vielen Bürgerinnen und Bürgern, die sich für die Freundschaft zwischen unseren Ländern engagieren, und das oft seit Jahren und Jahrzehnten. Viele von Ihnen sind heute an diesem Abend Gäste. Sie alle führen fort, was David Ben-Gurion und Konrad Adenauer nach dem Krieg und der Schoah begonnen haben. Lassen Sie uns also den Geist der Gründerväter lebendig halten und in die Zukunft tragen, was in den vergangenen fünfzig Jahren geworden und gewachsen ist.

In diesem Sinne, meine Damen und Herren, erhebe ich mein Glas: Auf das Wohl von Präsident Rivlin und seiner Frau, auf die Freundschaft zwischen Israel und Deutschland und auf eine gemeinsame Zukunft in Frieden und Freiheit. Le Chaim!