Redner(in): Johannes Rau
Datum: 28. Juni 2000

Anrede: Sehr geehrter Herr Präsident, lieber Freund Arpad Göncz,
Quelle: http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Johannes-Rau/Reden/2000/06/20000628_Rede.html


ich freue mich sehr darüber, dass ich heute einem der angesehensten Politiker Europas den höchsten deutschen Orden übergeben darf. Ich möchte mit diesem Orden, mit dieser Auszeichnung, Ihre großen Verdienste von Freiheit und Demokratie in Osteuropa und um die ungarisch-deutschen Beziehungen würdigen.

Erlauben Sie mir, dass ich einige Stationen Ihres Lebens in Erinnerung rufe, auch wenn Sie sie selber am besten kennen. Aber ich finde Ihren Lebenslauf so erstaunlich und so bewundernswert, dass ich den Gästen, die hier sind, gern einiges davon in Erinnerung rufen möchte.

Es sind nur Stichworte. Jurastudent, Promotion 1944, Verwundung im Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland, Studium der Agrarwissenschaften, Journalist, verurteilt zu lebenslanger Haft wegen Widerstandes gegen das kommunistische Regime in Ungarn, dann autodidaktisches Studium in der Haft zum Übersetzer, nach der Freilassung Übersetzer und Schriftsteller, Präsident des ungarischen Schriftstellerverbandes und schließlich 10 Jahre lang Präsident der Republik Ungarn.

Man kann kaum glauben, dass ich mit dieser Aufzählung nur von einem Menschen gesprochen habe. Und natürlich sind die aufgezählten Stationen Ihres Lebens nicht vollständig. Aber sie lassen sehr deutlich einen roten Faden erkennen:

Das Bekenntnis zur Freiheit, zur Demokratie und Toleranz, die Bereitschaft, Opfer zu bringen und die Bereitschaft zur Aussöhnung mit früheren Gegnern.

Sie haben das beispielhaft den Menschen Ihres Landes gezeigt, wo Sie gegenüber den Vertretern des Systems, das Sie selber unterdrückt hat, eine Politik der Aussöhnung geführt haben. Das hat mitgeholfen, den friedlichen und sanften Übergang zur Demokratie in Ungarn zu leisten.

Sie haben mit Ihrem mutigen Einsatz nicht nur für Ungarn und seine Befreiung etwas geleistet, sondern Sie haben mitgeholfen, zur Befreiung aller mittel- und osteuropäischen Staaten beizutragen. Damit haben Sie auch der Vereinigung Deutschlands einen unermesslichen Dienst getan.

Wir alle werden die Bilder von 1989 nicht vergessen, als Ungarn als erstes Land die Flucht vieler Bürger der DDR in die westdeutsche Bundesrepublik möglich gemacht hat. Das wird nie vergessen sein, denn das ist der erste Teil des eisernen Vorhangs, der an der ungarischen Grenze beseitigt wurde.

In den 10 Jahren, in denen Sie an der Spitze des ungarischen Staates stehen, haben Sie mitgeholfen mit Ihrer Besonnenheit, dass sich Ihr Land mehr und mehr nach Europa hin orientiert hat. Heute ist Ungarn Mitglied der NATO, bald wird Ungarn Mitglied der Europäischen Union sein. Und daran, dass Deutschland und Ungarn freundschaftliche Beziehungen haben, daran sind Sie mit großer Überzeugungskraft immer beteiligt gewesen.

Wir sind dankbar für Ihr großartiges Lebenswerk. Wir wünschen Ihnen viele gesunde und erfüllte Jahre ohne Staatsämter.

Und wir wünschen Ihnen viel Zeit für Besuche in Deutschland. Herzlich willkommen.