Redner(in): Johannes Rau
Datum: 31. Mai 2001

Quelle: http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Johannes-Rau/Reden/2001/05/20010531_Rede.html


Darum müssen wir etwas dafür tun, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt gewahrt und gestärkt wird. Die Politik kann und muss das fördern. Aber Parlamente können das nicht beschließen und Regierungen können das nicht befehlen. Hier sind wir alle am Zug: Jeder Einzelne kann und soll mit seinen Möglichkeiten seinen Beitrag leisten.

II. Es gibt viele Orte, an denen das geschehen kann: In der Familie, im Verein, am Arbeitsplatz, aber ganz gewiss auch an dem Ort, um den es heute geht: In der Schule.

Die Schule war schon immer ein Ort, an dem sich die Gesellschaft versammelt hat. Ein Ort an dem diejenigen, die vorher und später möglicherweise wenig miteinander zu tun haben, sich beschnuppern und lernen können, wie man miteinander auskommt.

Diese Aufgabe der Schule ist heute wichtiger denn je. Die Schule kann den manchmal

bröckelnden Zusammenhalt an anderen Orten in unserer Gesellschaft nicht ersetzen, aber sie kann helfen. Sie ist eben nicht nur ein Ort, wo man Wissen aus Büchern lernen kann, sondern sie ist auch ein Erfahrungs- und Lebensraum. Man muss diese Integrationsaufgaben aber auch wirklich wahrnehmen, und vor allem: Die Chancen nutzen, etwas zu tun.

Für die Hauptschulen gilt das in besonderem Maße. In den Hauptschulen wird besonders spürbar, dass unser Land mittlerweile ein Einwanderungsland ist. Gerade Hauptschulen sind Orte, an denen deutlich wird, dass es neben all dem Wohlstand in Deutschland auch soziale und wirtschaftliche Probleme gibt, die das friedliche Zusammenleben in unserer Gesellschaft gefährden. Hauptschulen sind daher alles andere als "Restschulen." Sie und die in ihnen tätigen Lehrer müssen an erster Stelle genannt werden, wenn wir vom Beitrag der Schulen zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts sprechen. Ich weiß, wie sehr viele Lehrerinnen und Lehrern sich dafür selbstlos und weit über ihre Pflicht einsetzen.

III. Nach langer Durststrecke ist Bildung wieder ein Thema, das über den engeren fachpolitischen Raum hinaus breites Interesse findet. Das ist erfreulich, denn es wird in den kommenden Jahren unerlässlich sein, dass wir wieder deutlich mehr für die Bildung tun als bisher.

Aber es geht doch um mehr als nur um Geld und Strukturen. Die bildungspolitische Diskussion bewegt sich noch zu oft in den Schützengräben der Vergangenheit. Nicht selten wird übersehen, wie viel die Initiative von Einzelnen und Gruppen zustande bringt, wie viele Blumen auf den Wiesen zwischen den Gräben mittlerweile blühen und wie viel mehr es noch sein könnten, wenn man sie nur blühen ließe.

Darum geht es nämlich auch, vielleicht sogar in erster Linie, wenn wir über die Bildung der Zukunft und die Zukunft der Bildung sprechen:

Man muss sich nicht immer gleich am grünen Tisch die Köpfe über neue Strukturen heiß

reden. Manchmal genügt es, einfach hinzusehen und sich ein Beispiel zu nehmen an Einzelinitiativen, die den Lebensraum Schule gestalten.

Stiftungen tun sich beim unbefangenen Blick manchmal leichter als die großen Bildungsadministrationen.

Ich sage der Hertie-Stiftung und den Initiatoren des Preises daher gerne meinen Dank für das Engagement, mit dem sie sich des Themas Bildung auf unkonventionelle und erfrischende Weise annehmen.

IV."Erziehung zur Eigenverantwortung - frei von Abhängigkeiten, frei von Gewalt" lautet das Motto des diesjährigen Hauptschulpreises.

Damit sind Themen angesprochen, die leider zum Alltag viel zu vieler Kinder und Jugendlicher gehören. Wir sind uns gewiss alle einig, dass sich das möglichst rasch wieder ändern sollte. Die Erfahrung und die Anwendung von Gewalt als Mittel zur Lösung von Konflikten in Kindheit und Jugend sind eine denkbar schlechte Vorbereitung auf das Leben in einer demokratischen Gesellschaft. Sie sind der Beginn einer schleichenden Zerstörung des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Was kann man tun? Wie kann man den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken?

Am wichtigsten scheint mir, bereits bei jungen Menschen die Fähigkeit zur Eigenverantwortung zu wecken und zu fördern.

Gewaltbereitschaft und Abhängigkeiten entspringen einer gemeinsamen Wurzel: der Unfähigkeit oder dem Unwillen, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Dagegen hilft nicht der Zwang zur passiven Anpassung, sondern genau das Gegenteil: Anregung zur Kreativität und Aktivität, Ermutigung dazu, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.

So entsteht dauerhafter gesellschaftlicher Zusammenhalt, der etwas anderes ist als kurzfristige Anpassung und dumpfer Gehorsam.

Die Fähigkeit zum verantwortlichen Handeln kann man nicht aus Büchern lernen. Man muss sie im eigenen Umfeld lernen. Man muss sie erfahren und erleben. Je praktischer diese Erfahrung ist, je näher an der Lebenswirklichkeit der Schüler, um so besser und um so beispielgebender.

Ich freue mich über die vielen Ideen, die Sie, liebe Lehrer und Schüler, im Rahmen dieses Wettbewerbs entwickelt haben.

Ich finde es großartig, was Sie zustandegebracht haben.

Ich könnte viele einzelne Beispiele ausgezeichneter Initiativen nennen, die mir besonders gut gefallen haben. Aber damit würde ich mich doch irgendwie in die Arbeit der Juroren einmischen. Das wäre nicht fair und so will ich dieser Versuchung widerstehen.

Dick unterstreichen möchte ich aber, was ich mir wünsche: Ihre vielen guten Ideen sollen bekannt werden und andere ermutigen, selber etwas zu tun. Und ich möchte Sie auch darin bestärken, auf dem eingeschlagenen Weg weiterzugehen.

Wer weiß, vielleicht findet die eine oder andere Ihrer Ideen eines Tages noch Eingang in eine der selten gelesenen Denkschriften zur Bildungspolitik, in denen steht, wie alles anders oder jedenfalls besser werden soll.

Ich würde es mir wünschen.