Redner(in): Horst Köhler
Datum: 6. März 2005

Quelle: http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Horst-Koehler/Reden/2005/03/20050306_Rede.html


Wie Sie sich gewiss vorstellen können, muss ich als Bundespräsident eine Vielzahl von Terminen wahrnehmen. Nach nun gut acht Monaten im Amt kann ich sagen: Diese Termine lassen sich in drei Kategorien einteilen. Da gibt es Termine, die ich aus protokollarischen Gründen wahrnehmen muss. Dann gibt es Termine, die nehme ich aus Überzeugung wahr. Und schließlich gibt es Termine, die ich aus Überzeugung wahrnehme und auf die ich mich wirklich freue. Der Festakt zur Verleihung der Zelter- und Pro-Musica-Plakette gehört zu dieser dritten Kategorie.

Dass die Zelterplakette von Bundespräsident Heuss 1956 und damit vor fast 50 Jahren gestiftet wurde, ist Ihnen gewiss nicht neu. Dass die Pro-Musica-Plakette 1968 dazu kam, wohl auch nicht. Ich freue mich darüber, dass es diese Auszeichnungen gibt. Und ich freue mich darüber, dass es seit 1971 - und damit seit fast 35 Jahren - Tradition ist, die Vereine mit einem solchen Festakt zu ehren.

In diesem Jahr werden 167 Chöre mit der Zelterplakette ausgezeichnet. 46 Musikvereine erhalten die Pro-Musica-Plakette. Mich hat die große Zahl von Chören und Vereinen überrascht. Auch in der Vergangenheit wurden jährlich in der Regel mehr als 200 Vereine ausgezeichnet. Und sie alle blicken auf eine mindestens 100-jährige Geschichte zurück.

100 Jahre - das ist eine lange Zeit. Und es zeugt wahrlich von enger Verbundenheit mit einem Verein, wenn es gelingt, ihn über ein ganzes Jahrhundert hinweg zu erhalten; ein Jahrhundert, das nicht nur friedliche Zeiten, sondern auch Notzeiten, Kriege und Diktaturen erlebt hat.

Mit wie viel Engagement, mit wie viel Herzblut müssen Menschen an ihrem Verein hängen, wenn es gelingt, ihn sogar über zwei Jahrhunderte zu erhalten! Dass es solche Menschen gab und noch immer gibt, beweisen zwei Gesangvereine, die - 1805 und damit zu Zeiten Napoleons gegründet - in diesem Jahr als erste Gesangvereine in Deutschland auf eine 200-jährige Geschichte zurückblicken können. Und der dritte kommt im kommenden Jahr hinzu.

Beim Unterzeichnen der Urkunden ist mir aufgefallen, dass die meisten Chöre und Vereine, die in diesem Jahr ausgezeichnet werden, aus Baden-Württemberg und Bayern kommen. Diesen Ländern folgen Hessen und Nordrhein-Westfalen. Wieder einmal ein Süd-Nord-Gefälle? Über die Gründe kann ich nur spekulieren. Gewiss, die Anzahl von Vereinen und Chören hängt auch von der Dichte der Bevölkerung in den einzelnen Bundesländern ab. Das allein erklärt das Gefälle aber nicht: Vielleicht singen und musizieren die Menschen in Süddeutschland lieber als die Menschen anderswo in Deutschland. Vielleicht engagieren sie sich lieber in Vereinen. Vielleicht haben Brauchtum und Traditionen hier in Süddeutschland doch eine andere Bedeutung als anderswo.

Der Schwerpunkt der Auszeichnungen liegt eindeutig bei den Chören. Das kann ich gut verstehen. Meine Frau und ich singen selber gern, und wir waren auch schon aktive Mitglieder in verschiedenen Gesangsvereinen.

Vor einigen Tagen konnte man in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung lesen: "Das Volk verstummt - Deutsche Kinder singen nicht mehr". Es ist sicher richtig, dass in Kindergärten und Schulen in früheren Jahren mehr gesungen wurde als heute. Auf der anderen Seite engagieren sich in Deutschland etwa 7 Millionen Menschen in der Laienmusik. Da kommt selbst der Fußball nicht gegen an. Der DFB hat gerade mal 6,3 Millionen Mitglieder.

Das große Interesse an der Laienmusik muss doch einen Grund haben:

Vielleicht liegt es daran, dass wir schon als Babys die Erfahrung gemacht haben, dass uns der Gesang unserer Eltern beruhigt und in den Schlaf wiegt.

Vielleicht liegt es daran, dass Gesang etwas ist, mit dem man ohne Hilfsmittel und ohne großartige Vorbildung einfach anfangen kann.

Vielleicht liegt es auch daran, dass Musik den Menschen in vielfacher Weise anspricht. Sie alle wissen, wie es ist, wenn man bei einem eingängigen Rhythmus kaum seine Füße stillhalten halten. Sie alle kennen gewiss auch das Phänomen, dass sich einem Texte, die von einer eingängigen Melodie begleitet werden, deutlich schneller einprägen, als wenn man sie sozusagen "tonlos" auswendig lernen müsste.

In der Musik und im Gesang kommen Gefühl und Geist, Seele und Körper zu einer Einheit. Und deshalb können sie auch all die menschlichen Empfindungen wie Freude, Hoffnung, Liebe, Angst, Schmerz und Trauer so gut zum Ausdruck bringen. Der Mensch ist mehr als ein Konglomerat intellektueller und motorischer Fähigkeiten. Gerade deshalb ist die musikalische Bildung von Kindern so wichtig.

Musikalische Bildung fördert Entwicklung von Kindern zu eigenständigen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten.

Musikalische Bildung ist deshalb keine private Nebensache.

Musikalische Bildung muss zu den Selbstverständlichkeiten gehören, wie das Lernen von Lesen, Schreiben und Rechnen.

Musikalische Bildung braucht breiteste gesellschaftliche Unterstützung.

Ich bin deshalb froh darüber, dass sich nicht nur die Schulen, sondern auch die Kindergärten, die Musikschulen, die Kirchen und eben auch die Chöre und Musikvereine die musikalische Bildung wieder mehr und mehr zur Aufgabe machen.

Der chinesische Philosoph Konfuzius soll gesagt haben "Musik erzeugt eine Art von Vergnügen, ohne die der Mensch nicht kann". Dieser Satz gefällt mir deshalb so gut, weil ihm etwas fehlt - nämlich eine Konkretisierung des "kann". Aber gerade dadurch, dass er offen lässt, was alles der Mensch ohne Musik nicht kann, ist er aber auch wieder allumfassend. Ich meine, besser lässt sich die Wirkung von Musik auf den Menschen gar nicht mehr ausdrücken.

Konfuzius spricht aber auch von Vergnügen. Und Recht hat er: Gleich können wir uns weiter dem Vergnügen der Musik hingeben, nachdem ich den Männerchor Liederkranz Marktoberdorf und den Musikverein Rieder e. V. stellvertretend für alle Vereine, die in diesem Jahr ihr 100-jähriges Gründungsjubiläum begehen, mit der Zelterplaktte und der Pro-Musica-Plakette ausgezeichnet habe.