Redner(in): Johannes Rau
Datum: 2. Oktober 2001

Quelle: http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Johannes-Rau/Reden/2001/10/20011002_Rede.html


Gedenke derer, die einst Gespräche wie Bäume gepflanzt,"so heißt es in einem Gedicht, das Peter Huchel 1962 in der Zeitschrift" Sinn und Form "veröffentlicht hat. Huchel, der wie viele seiner Generation zwischen die Mahlsteine des kalten Krieges geraten ist, hat das Gedicht seinem Sohn gewidmet. Es heißt" Im Garten des Theophrast "." Gedenke derer, die einst Gespräche wie Bäume gepflanzt ", das ist ein schönes Wort eines Vaters an seinen Sohn, aber es ist noch mehr: Theophrast, der große Logiker und Botaniker, war Schüler und Nachfolger des Aristoteles und damit ein Erbe jener Form der Geistigkeit, die wie keine andere das Gespräch als Mittel der Wahrheitssuche gepflegt hat und die am Beginn der Entwicklung der europäischen Wissenschaft steht. Auch daran erinnert die ein wenig melancholisch klingende Zeile Peter Huchels.

Zu Beginn der modernen Wissenschaft war es noch leicht, das Gespräch zu pflegen, so wie es einmal in der Antike gewesen sein mag. Die Orte der Wissenschaft waren wie Dörfer: Man kannte sich, jeder wusste so gut wie alles vom Anderen. Bis zur Gründung der Universität Berlin waren Großstadtuniversitäten eher selten und bei den Wissenschaftlern auch nicht sonderlich beliebt. An den Universitäten studierten nicht mehrere zehntausend Studenten, wie das heute häufig ist, sondern meist nur ein paar hundert, und manchmal waren es noch weniger. Idyllische Zustände, wenn auch vielleicht manchmal ein wenig zu familiär für unseren Geschmack. So heißt es zum Beispiel von einem Chemieprofessor, der 1863 in Berlin lehrte und wohnte: "In demselben Haus befand sich das Auditorium. Die Vorlesung fand frühmorgens statt. Der Professor erschien dazu in einem alten Schlafrock, hatte sich vorher eilig rasiert und dabei nicht selten geschnitten. Dann vervollständigte ein zum Schutz gegen herabtropfendes Blut um den Hals gebundenes Taschentuch die Toilette".

Diese Art von Idyll hat schon im 19. Jahrhundert aufgehört. Aus den Dörfern der Wissenschaft sind Städte geworden. Schon Mommsen und Harnack haben von der Großwissenschaft und vom Großbetrieb der Forschung gesprochen und mit solchen Begriffen andeuten wollen, wohin die Reise gehen sollte: Zu großen Forschungs- und Lehranstalten, die arbeitsteilig organisiert sind, in denen häufig Anonymität herrscht und in denen das Gespräch auf der Strecke bleiben muss.

Die Entwicklung der Wissenschaft selbst hat in diese Richtung gedrängt. Moderne Wissenschaft ist Spezialkenntnis. Diese Spezialkenntnis ist ohne Vielfalt der Disziplinen nicht zu haben, ohne dass sich Forschung und Lehre auseinander entwickeln und ohne dass sich Spezialsprachen ausbilden. Das schließt nicht nur den interessierten Laien meist endgültig aus dem Gespräch der Wissenschaft aus, sondern es macht auch die Verständigung über die Zäune der Fachdisziplinen hinweg zunehmend schwerer.

Wer hat schon Zeit und Lust, das Fachchinesisch der Anderen zu lernen, wenn er schon genug Mühe mit seinem eigenen hat? Dass das Gespräch zwischen den Geistes- und Naturwissenschaften besonders schwierig ist, weiß heute jeder. Darauf weist das bekannte Schlagwort von den zwei Kulturen hin. Die Grenzwälle verlaufen aber nicht nur zwischen den beiden großen Imperien der heutigen Wissenschaft. Auch die Binnengrenzen innerhalb dieser Imperien drohen zunehmend, undurchlässig zu werden, und das Gespräch zwischen Künstlern, Literaten und Wissenschaftlern gelingt oft nicht. Das scheint uns ohnehin klar.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, als sich auch in Deutschland das im großen Maßstab zu entfalten begann, was treffend "Big Science" genannt wird, hat sich diese Entwicklung noch einmal gewaltig beschleunigt. Das beispiellose Wachstum der industriellen Wissensproduktion in vielen Forschungseinrichtungen außerhalb der Universitäten hat die hergebrachten dörflichen Kommunikationsformen der Wissenschaft weiter an den Rand gedrängt. Man spricht weniger und publiziert mehr.

Schließlich: Die Öffnung der Universitäten für die Gesellschaft, die wir in sechziger Jahren erreicht haben, war ein gewaltiger Fortschritt, hinter dem wir nicht zurückfallen dürfen. Dieser Fortschritt hatte aber auch seinen Preis. An einer Großuniversität mit sechzigtausend Studenten und einer entsprechenden Zahl von Forschern und Lehrern herrschen andere Kommunikationsbedingungen als an einer traditionellen kleinen Universität. Wenn die Hochschulrektorenkonferenz mittlerweile rund 2.500 Studiengänge an deutschen Hochschulen zählt - 2.500 Studiengänge! - dann lässt auch das befürchten, dass es mit dem Gespräch zwischen den Fachkollegen heute eher noch schlechter steht als früher.

Was tun?

Es gibt wohl drei Möglichkeiten. Möglichkeit Nummer eins: Man nimmt die Verhältnisse einfach so hin, wie sie sind, und mauert sich in seinem Spezialjargon ein. Das geschieht nach meinem Eindruck nach wie vor viel zu häufig. Natürlich liegt diese Reaktion nahe, wenn die Palme der erhält, der möglichst viel über möglichst wenig weiß. Diese Form der Nischensuche und -pflege hat aber ihren Preis. Wer sich im Einzimmerappartement der eigenen fachlichen Zuständigkeit einrichtet, kennt da zwar jeden Winkel, aber das Denken in Zuständigkeiten ist ja bekanntlich auch der Anfang aller Bürokratie im schlechten Sinne.

Wehe dem Problem, das dann auf dem falschen Korridor und vor der falschen Tür landet, wenn es seinen zuständigen Sachbearbeiter nicht findet oder gar außerhalb der Amtsstunden kommt! Es stimmt zwar, was Harald Weinrich einmal gesagt hat, dass das einzige Kriterium für die Richtigkeit bei der Formulierung einer Problemfrage ist, dass alle beteiligten Disziplinen gleichmäßig unzufrieden sind. Was aber hilft das dem Problem, wenn die Türen trotzdem zu bleiben? Es bleibt auf dem Gang stehen und wartet.

Die Einsicht, dass die neuen Erkenntnisse zwischen den Lehrstühlen und den Fakultäten blühen, haben schon viele gehabt. Heute ist diese Einsicht aber aus zwei Gründen besonders aktuell. Der eine Grund liegt auf der Hand: Die Probleme in Wirtschaft und Gesellschaft sind so komplex geworden, dass auch nur halbwegs befriedigende Lösungen ohne die Zusammenarbeit und das Gespräch der Disziplinen nicht möglich sind. Der andere Grund ist weniger offensichtlich, aber auch er liegt nahe: Immer mehr Probleme, ja sogar unser Alltag, können ohne die Hilfe der in den Wissenschaften zusammengetragenen Spezialkenntnisse nicht mehr bewältigt werden. Wenn die Vertreter der Spezialdisziplinen aber nicht selber den Kontakt und das Gespräch untereinander suchen, dann geben sie freiwillig und ohne Not das der Wissenschaft ja zustehende und zugebilligte Privileg auf, jenseits von und quer zu Zuständigkeiten zu denken.

Möglichkeit Nummer zwei, mit Fächervielfalt und Sprachlosigkeit umzugehen, ist gut gemeint, aber häufig leider wirkungslos: Moralisierende Appelle, man möge doch miteinander reden, die Grenzen überwinden und das Gespräch suchen, sind ein beliebtes Mittel gegen die von vielen beobachtete Tendenz zur übermäßigen Spezialisierung und zu wechselseitiger Abschottung in der Wissenschaft. Diese Art von Appellen gehört spätestens seit den sechziger Jahren zum Standardrepertoire der wissenschaftspolitischen Rhetorik.

Ich will solchen Appellen nicht widersprechen, aber sind sie nicht häufig naiv? Ist es nicht doch auch wahr, dass dem Willen des einzelnen Wissenschaftlers zum fächerübergreifenden Dialog häufig genug Schwierigkeiten entgegenstehen, die nicht gering zu achten sind? Mancher lässt sich ja für den Auszug aus dem Elfenbeinturm feiern, ohne ihn jemals betreten zu haben. Man kann auch durchaus fragen, ob ein Zuviel von Interdisziplinarität nicht eine Rückkehr zum Dilettantismus bedeutet. Wissenschaften sind schließlich auch Handwerke, und zum Handwerk gehört nun einmal die Zunft. Dass Zünfte innovationsfeindlich bis hin zum glatten Selbstmord sein können, ist bekannt, und ich bin sicher, dass Ihnen dazu auch das eine oder andere Beispiel aus der Wissenschaft einfällt. Zünfte sorgen aber auch dafür, dass die Qualität stimmt und dass der Wein nicht gepanscht wird. Darauf möchte man auch dann nicht verzichten, wenn man nicht immer nur vom selben Wein trinken möchte. Auch dem zahlenden Publikum wäre damit letzen Endes nicht gedient, das sich scheu an die Tische der Wissenschaft herandrängt, um einen Blick auf die Köstlichkeiten zu erhaschen, die dort gereicht werden. Wer interessiert sich schon für Wein mit der Herkunftsbezeichnung "aus verschiedenen Anbaugebieten Europas" ? Den kann man auch im Supermarkt kaufen.

Dauerhaft wirksames Handeln braucht immer auch einen institutionellen Rahmen.

Bleibt also die dritte Möglichkeit, wie man mit den negativen Folgen von Spezialisierung und Sprachlosigkeit in der Wissenschaft umgehen kann. Man muss besondere institutionelle Gelegenheiten und Orte schaffen, an denen die Vertreter der verschiedenen Fächer zueinander kommen können und kommen müssen. Das geschieht nun schon seit langem, wenn auch mit wechselndem Erfolg. Frei nach Hölderlin, der das Rettende da wachsen sieht, wo die Gefahr ist, kann man beobachten, dass im engen zeitlichen Zusammenhang mit dem beeindruckenden Größenwachstum der Wissenschaft seit den sechziger Jahren auch neue Institutionen entstanden sind, die das Gespräch über die Fächergrenzen hinweg in den Mittelpunkt stellen.

Sie werden es einem früheren nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten verzeihen, wenn er darauf hinweist, dass die wichtigste Innovation in diesem Zusammenhang aus seinem Land gekommen ist. Leider nicht aus Wuppertal! Aber doch immerhin aus Ostwestfalen. Helmut Schelsky, der Gründer der Universität Bielefeld, ist dort nicht glücklich geworden. Seine Überlegungen zur Interdisziplinarität und dazu, wie sie zu organisieren sei, haben sich aber als außerordentlich fruchtbar erwiesen. Hermann Lübbe hat einmal zu Recht gesagt, dass die "Effizienz des Bielefelder Zentrums für interdisziplinäre Forschung weitaus größer ist als seine mediale Publizität". Bis heute gibt es wohl kaum ein interdisziplinäres Zentrum, das nicht in irgendeiner Weise mit dieser "Bielefelder Akademie" verbunden ist, wie Wolfgang Frühwald sie einmal genannt hat.

Das gilt auch für den Ort, an dem wir heute hier zusammengekommen sind. Das Wissenschaftskolleg ist natürlich nicht irgendein weiteres Mitglied der Bielefelder Sippschaft, es ist mehr, es hat viele Väter - Mütter anscheinend weniger - auch ausländische, und vor allem: Es ist einen ganz eigenständigen Weg gegangen. Das Wissenschaftskolleg ist, wie der Wissenschaftsrat vor kurzem festgestellt hat, eine singuläre Einrichtung im deutschen Wissenschaftssystem. Interdisziplinarität wird hier als notwendiger Bestandteil heutiger wissenschaftlicher Arbeit nicht nur praktiziert, sondern gelebt.

Ich muss und ich will nun nicht die Arbeit des Wissenschaftskollegs im Einzelnen würdigen, das können andere viel besser als ich. Zwei Punkte möchte ich aber hervorheben, die ich besonders wichtig finde: Als ersten Punkt lassen Sie mich den internationalen Charakter des Wissenschaftskollegs nennen, den wahrhaft kosmopolitischen Geist, der in seinen Mauern herrscht.

Immer wieder wird in der letzten Zeit betont, dass Wissenschaft international sei und dass die deutsche Wissenschaft noch viel internationaler werden müsse. Das stimmt ja, aber die Leichtigkeit, mit der solche Maximen in die Welt gesetzt werden, verdeckt doch häufig, wie schwer sie zu verwirklichen sind. Es ist ja nicht damit getan, dass man Geld bereitstellt und Werbefeldzüge startet. Langfristig wirksam sind nur die mühsamen kleinen Schritte, mit denen man bei Einzelnen, die in der internationalen Wissenschaft etwas zu sagen haben, um Vertrauen wirbt, sie ins Gespräch zieht, ihnen eine Umgebung bietet, in der sie sich geistig angeregt fühlen und weiter entfalten können.

Das Wissenschaftskolleg war und ist auf diesem Feld in seiner stillen, bedächtig am Netzwerk persönlicher Beziehungen strickenden Art, außerordentlich erfolgreich. Am stärksten beeindruckt haben mich bei der Vorbereitung auf diesen Tag die Worte, mit denen die Fellows aus nahezu zwei Jahrzehnten rückblickend ihren Aufenthalt am Wissenschaftskolleg beschrieben haben. Natürlich gab es auch die eine oder andere kritische Stimme. Insgesamt aber war die positive Resonanz überwältigend. Vor allem der kosmopolitische Charakter des Wissenschaftskollegs hat viele Fellows beeindruckt. Weltläufigkeit als herausragendes Kennzeichen einer deutschen wissenschaftlichen Einrichtung - das ist gar nicht so häufig und darum um so bemerkenswerter.

Ein zweiter Punkt kommt hinzu: Wissenschaft, auch interdisziplinäre Wissenschaft, ist bis heute häufig eine europäisch-amerikanische Angelegenheit. Die Pflege der deutsch-amerikanischen Wissenschaftsbeziehungen bleibt natürlich unerlässlich. Darauf habe ich erst kürzlich beim Empfang für die neuen Fellows bei der American Academy hingewiesen und auch die jüngsten, uns alle tief bewegenden Ereignisse haben uns erneut deutlich gemacht, wie sehr wir, Europa und Amerika, zueinander gehören und aufeinander angewiesen sind. Internationalität ist aber weit mehr als nur die Pflege der transatlantischen Wissenschaftsbeziehungen. Der Fall des Eisernen Vorhangs hat uns allen vor Augen geführt, dass Europa wahrlich nicht an der Oder aufhört, sondern dass zu unserem Kontinent viel mehr gehört. Abstrakt war das immer klar. Die Eisesstarre des kalten Krieges hatte sich aber auch über die kulturellen und wissenschaftlichen Beziehungen gelegt, die die westliche mit der östlichen Hälfte Europas seit alters her miteinander verbinden. Gerade wir Deutschen haben daraus viele Anregungen empfangen. So gehört es heute auch zu unseren vornehmsten Aufgaben, diese Beziehungen wieder zu beleben und neu zu pflegen. Das Wissenschaftskolleg hat diese Aufgabe erkannt und wichtige Beiträge dazu geleistet, dass unser Kontinent nicht nur wirtschaftlich, sondern auch geistig wieder zusammenwächst. Dafür möchte ich Ihnen danken.

Danken möchte ich dem Kolleg aber auch für seine Beiträge dazu, dass die "Kultur der Belehrung" der so genannten Dritten Welt, von der Herr Lepenies vor einigen Jahren so treffend gesprochen hat, endlich zu einer "Kultur des Lernens" wird. Wissenschaft mag eine europäisch-amerikanische Erfindung sein, aber sie ist kein europäisch-amerikanisches Monopol, heute nicht und in Zukunft noch weniger.

Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass die Menschen in den Ländern außerhalb von Europa und Nordamerika nicht mehr länger bereit sind, unsere Sicht auf ihre Kultur und Geschichte einfach zu akzeptieren. Sie erwarten zu Recht mehr Aufmerksamkeit für ihre eigenen Sichtweisen und konfrontieren uns mit neuen Interpretationen unserer Kultur und Geschichte. Die mögen uns nicht immer gefallen, aber es gibt sie, und sie fordern unsere Gesprächsbereitschaft und Gesprächsfähigkeit. Weder mit der Bereitschaft noch mit der Fähigkeit steht es bisher allzu gut. Umso wichtiger ist es, dass Institutionen wie das Wissenschaftskolleg dieses Gespräch pflegen und geistige Netzwerke knüpfen, die im gerade begonnenen Jahrhundert für uns alle entscheidend sein können.

Ich sprach von der Bedeutung der Institutionen. Sie sind unersetzlich, sie geben unserem Handeln Orientierung und Halt. Ist es nicht aber auch eine alte Erfahrung, dass Institutionen nur so gut sein können wie die Menschen, die sie ausmachen? Das trifft für die Politik genauso zu wie für die Wissenschaft. Für Meta-Institutionen wie das Wissenschaftskolleg, in dem die Wissenschaftler auf Zeit arbeiten, in dem viele Nationalitäten, Temperamente und Fächer unter einen Hut oder zumindest an eine gemeinsame Tafel gebracht werden, gilt das noch mehr. Für die Fellows, besonders aber für diejenigen, die Verantwortung tragen: Die Permanent Fellows und natürlich vor allem für den Rektor.

Wie sollte in diesem auf Dauer gestellten, aber stets befristeten Symposion irgendetwas funktionieren, ohne die ordnende Hand des Rektors, ohne seinen Weitblick, ohne sein Einfühlungs- und Ahnungsvermögen, was wohl gegenwärtig und in Zukunft spannend und vorwärts treibend in der Wissenschaft ist und sein wird?

Das Wissenschaftskolleg, so meine ich, hat Glück gehabt mit seinen Rektoren. Peter Wapnewski hat den Stein ins Rollen gebracht, das war wahrlich nicht einfach. Wolf Lepenies hat das Wissenschaftskolleg zu dem gemacht, was es heute ist: Ein national und international herausragendes Centre of Excellence, das nicht nur in der Wissenschaft einen hervorragenden Ruf genießt.

Ich habe das Zentrum für interdisziplinäre Forschung in Bielefeld erwähnt und die vielfältigen, auch untergründigen Verbindungslinien, die von dort in die Welt jenseits der nordrhein-westfälischen Grenzen führen. Kann es da überraschen, dass mit Dieter Grimm nun ein Mann an der Wallotstraße Regie führt, der schon einmal Rektor des ZIF in Bielefeld war? Von der Soziologie zur Rechtswissenschaft, das wird sicher ein Stilwechsel sein. Der Lebenslauf von Dieter Grimm zeigt aber, dass er selber Interdisziplinarität und Internationalität beispielhaft verkörpert und damit die besten Voraussetzungen mitbringt, die von Peter Wapnewski und Wolf Lepenies begründete Tradition fortzusetzen.

Soll man Nachfolgern Ratschläge geben? Wohl besser nicht. Aber einen Punkt möchte ich doch ansprechen: Vieles bei der Lektüre der Kommentare der früheren Fellows hat mich beeindruckt, manches gefreut, nicht weniges begeistert. Ein Kommentar hat mich aber doch sehr nachdenklich gemacht: "Habe gelitten unter den langen Mittagessen", heißt es da in einer - zugegeben vereinzelten - Stelle. Was mag der Grund sein? Schlechte Gespräche? Das kann nicht sein, nicht im Wissenschaftskolleg. Schräge Musik? Das kann auch nicht sein in einem Kolleg, in dem - selten genug ist das geworden - Wissenschaftler, Musiker und Künstler an einer Tafel sitzen. Liegt es vielleicht doch am Essen? Oder am Wein? Dieser Frage müssen Sie unbedingt nachgehen, lieber Herr Grimm!