Redner(in): Monika Grütters
Datum: 29. Mai 2017

Untertitel: Kulturstaatsministerin Grütters hat in Berlin betont, wie wichtig Pflege und Schutz des immateriellen Kulturerbe ist. "Traditionen, Rituale und regionale Gepflogenheiten machen neben verbindlichen Werten und Grundsätzen auch deutlich, welche Identitätsmerkmale wir als Gesellschaft vertreten und vermitteln wollen", so Grütters.
Quelle (evtl. nicht mehr verfügbar): https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Rede/2017/05/2017-05-31-bkm-orte-der-demokratie.html


Kulturstaatsministerin Grütters hat in Berlin betont, wie wichtig Pflege und Schutz des immateriellen Kulturerbe ist."Traditionen, Rituale und regionale Gepflogenheiten machen neben verbindlichen Werten und Grundsätzen auch deutlich, welche Identitätsmerkmale wir als Gesellschaft vertreten und vermitteln wollen", so Grütters.

Nicht einmal zehn Minuten zu Fuß von hier entfernt, steht eines der wohl berühmtesten Hotels Deutschlands, dessen Erbauer Lorenz Adlon heute vor genau 168 Jahren geboren wurde."Das Schicksal des Berliner Hotels Adlon spiegelt die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts wider" schrieb der SPIEGEL vor einigen Jahren und noch immer atmet das "Adlon" den Geist der Geschichte; noch immer lebt das Traditions-Hotel von den Erinnerungen an ehemalige Gäste, aber auch von Mythen und Legenden.

Den "Geist der Geschichte" atmet auch unser Immaterielles Kulturerbe: In den Traditionen, die Menschen in allen Regionen Deutschlands an ihre Nachfahren weitergeben, sind Erkenntnisse und Erfahrungen unserer Vorfahren lebendig. Der Schutz unseres immateriellen Kulturerbes ist deshalb eine wichtige Ergänzung des Schutzes der Kulturdenkmäler und Bauten, die Zeugnis ablegen von unserer Vergangenheit. Denn auch die Kulturformen, die unser Leben und unser Zusammenleben prägen, bestimmen unsere Identität als Kulturnation. Mit den Eintragungen in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes dokumentieren wir unsere Absicht, Traditionen, gewachsene Bräuche, Rituale und handwerkliche bzw. künstlerische Fertigkeiten zu bewahren und an die nachfolgenden Generationen zu überliefern.

Ich freue mich, dass in diesem Jahr 36 verschiedene und ganz unterschiedliche Lebensbereiche betreffende Traditionen in die Listen aufgenommen werden. Denn es ist schön, dass wir heutzutage nicht nur in jeder Lebenslage Coffee to go trinken können, sondern dass man - vor allem in Ostfriesland - auch mal eine ruhige Tasse Tee genießt. Es ist großartig, dass wir im Internet das gesammelte Wissen der Welt finden und uns doch noch Märchen erzählen. Es ist gut, dass wir unsere Vorfahren medizinisch längst überholt haben und dass es trotzdem noch immer Hebammen gibt, die werdenden Müttern geben, wozu Apparate ( vermutlich ) nie in der Lage sein werden: individuelle, einfühlsame Beratung. Gerade in Zeiten rasanter Veränderungen, bedingt durch Digitalisierung und Globalisierung, sind solche identitätsstiftenden Konstanten wichtiger denn je.

Wie weit die Kultur in unser Alltagsleben hineinreicht, zeigen nicht nur die Ostfriesische Teekultur, das Märchenerzählen und das Hebammenwesen, sondern alle 36 Kulturformen und Projekte, die 2016 neu in das Bundesweite Verzeichnis bzw. in das Register guter Praxisbeispiele aufgenommen wurden. Vor allem beeindruckt auch die große Zahl der Bewerbungen, die anschaulich macht, wie viele Menschen sich in Deutschland gemeinschaftlich für die Pflege des immateriellen Kulturerbes engagieren. Für sie alle ist die erstrebte oder bereits erreichte Eintragung eine Anerkennung ihrer oftmals ehrenamtlichen Arbeit in den Vereinen, Landsmannschaften, Dorfgemeinschaften oder Berufsgruppen.

Brauchtum und Tradition prägen das Gefühl von Heimat in besonderer Weise das erfahren nicht nur Menschen, die sich für das Immaterielle Kulturerbe engagieren: Wir alle wissen, dass wir zuhause sind, wenn wir beispielsweise ein markantes Baudenkmal sehen, aber auch, wenn wir einen typischen Geruch wahrnehmen oder einen Dialekt hören. Landestypische und regionale Eigenheiten sind Ausdruck unserer Identität als Schleswig-Holsteiner oder Sachsen ebenso wie als Deutsche. Das immaterielle Kulturerbe zu pflegen und zu schützen, ist deshalb ebenso wichtig wie die Weitergabe von Traditionen: an nachfolgende Generationen und an Menschen, die nach Deutschland kommen. Denn Traditionen, Rituale und regionale Gepflogenheiten machen neben verbindlichen Werten und Grundsätzen auch deutlich, welche Identitätsmerkmale wir als Gesellschaft vertreten und vermitteln wollen.

Traditionen bereichern unser alltägliches Leben, sie verraten, wo wir herkommen und was uns wichtig ist."Tradition gilt nicht wegen ihrer erwiesenen Richtigkeit, sondern wegen der Unmöglichkeit, ohne sie auszukommen" - so hat es der Philosoph Hermann Lübbe einmal formuliert.

Die bisher 68 Eintragungen in das Bundesweite Verzeichnis jedenfalls zeigen, dass es für viele Menschen in Deutschland eine "Unmöglichkeit [ist] , ohne sie auszukommen" ein unsere Gesellschaft bereicherndes Unvermögen, und das gibt es ja auch nicht alle Tage. In diesem Sinne gratuliere ich allen Engagierten, die "ihre" Kulturform auf die Liste gebracht haben: Sorgen Sie weiterhin dafür, dass es "unmöglich" bleibt, ohne sie auszukommen!