Redner(in): Bernd Neumann
Datum: 21.09.2007

Untertitel: In seiner Rede wies KulturstaatsministerBernd Neumann auf die gewaltigen Fortschritte und die detailreiche Ausführung bei der vom Bund finanzierten Wiederherstellung des "UNESCO-Weltkulturerbes" Berliner Museumsinsel hin.
Anrede: Anrede,
Quelle (evtl. nicht mehr verfügbar): http://www.bundesregierung.de/nn_914560/Content/DE/Archiv16/Rede/2007/09/2007-09-21-rede-neumann-richtfest-neues-museum,layoutVariant=Druckansicht.html


dies ist ein guter Tag für Berlin. Wir feiern heute lassen Sie es mich so ausdrücken das zweite Richtfest des Neuen Museums, das durch die Bombardierungen 1943 und 1945 schwer beschädigt wurde. Mit seinem Wiederaufbau wird die Museumsinsel, die seit 1999 den Titel "UNESCO-Weltkulturerbe" trägt, um ein besonderes Stück reicher.

Das Mitte des 19. Jahrhunderts errichtete Neue Museum trägt seinen Namen nicht umsonst. Damals wie heute erregte die Architektur im Herzen der Hauptstadt die Gemüter. Im Kern ging es und geht es um noch immer um die einzigartige Spannung zwischen Tradition und Innovation, zwischen Bewahrung des anvertrauten Erbes und der kulturellen Standortbestimmung in einer sich rasch verändernden Welt. Die Industrialisierung stellte die Menschen vor ähnliche Fragen wie die Globalisierung heute.

Das Neue Museum war schon in seiner Erbauungszeit in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein Novum sowohl was seine Architektur als auch was seine inhaltliche Konzeption anbetraf. Die Keimzelle der heutigen thematischen Museen Berlins war zu seiner Zeit ein architektonisches Experiment. Dampfhämmer trieben 2344 Gründungspfähle in den Baugrund, Dampfmaschinen und eine eigens eingerichtete Baueisenbahn beschleunigten den Baufortschritt in zuvor nie gesehenem Maß.

Zum ersten Mal wurden in Preußen bei einem Bau dieser Dimension industrielle Fertigteile und neuartige Werkstoffe verbaut. Hinter den historisierenden Interieurs des Ägyptischen Hofs oder des Bernwardzimmers steckte High-Tech der damaligen Zeit. Wer die Ruine des Neuen Museums gesehen hat, weiß, wovon ich spreche. Eisenkonstruktion und weit gespanntes Glasdach weisen in die bürgerliche Moderne. Stülers Musentempel war ein kühner architektonischer Wurf, der zu seiner Zeit kaum Parallelen hatte.

Meine Damen und Herren, ARTEM NON ODIT NISI IGNARUS Nur der Unwissende verachtet die Kunst " rief eine Inschrift an der Westfassade dem Besucher des Gebäudes zu. Kunst war in der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht nur die so genannte Schöne Kunst, sondern Kunstfertigkeit, die das Handwerkliche nicht ausschloss. Auch Architektur hatte Kunst zu sein, nicht nur neutraler Rahmen.

Ich bin überzeugt davon, dass man dem Geist des Stüler-Baus nur gerecht wird, indem man der Architektur des 19. Jahrhunderts Reverenz erweist und zugleich die der Gegenwart nicht verleugnet. Ich danke Ihnen, Mister Chipperfield, dass Sie nicht nur "behutsam weiter bauen", sondern auch Zeichen setzen. Zugleich behandeln Sie die Reste des originalen Baus mit der Sorgfalt, wie wir sie vom Umgang mit erstrangigen Bauwerken aus viel früherer Zeit gewohnt sind. Den daran beteiligten Handwerkern und Restauratoren sei an dieser Stelle herzlich gedankt.

Sie sorgen dafür, dass die überkommenen Teile des Neuen Museums selbst zu Exponaten werden. Diese Verbindung von Innovation und Tradition hätte auch Friedrich August Stüler gefallen, da bin ich mir sicher. Seine Sehgewohnheiten hätten vielleicht bei der oft beschriebenen monumentalen Betontreppe mehr Anklänge an Babylon oder Altägypten gefunden, als es uns heute noch möglich ist. Wir werden uns beim Rundgang gleich einen Eindruck davon verschaffen können, was Sie, lieber Herr Chipperfield, mit dem Neuen Museum weiter vorhaben. Ich bin sehr gespannt darauf. Gute Architektur hält Auseinandersetzungen aus, ja es braucht sie, um einen Bau ins Bewusstsein der Menschen zu bringen.

Deshalb bin ich überzeugt, dass die Öffnung des Gebäudes für die Öffentlichkeit ein wichtiger und richtiger Schritt ist, und ich freue mich, wenn viele Besucher kommen. Überhaupt, meine Damen und Herren, ist die Museumsinsel mit Sicherheit die meistbesuchte Baustelle der Welt. Für dieses Jahr werden 3 Millionen Besucher erwartet, das ist bereits 1 Million mehr als 2006. Ein Publikumsmagnet ist das seit Oktober 2006 wiedereröffnete Bodemuseum. Im Jahr 2009 werden das Ägyptische Museum und Teile des Museums für Vor- und Frühgeschichte wieder in ihr Stammhaus zurückkehren. Ich denke, dass dann die Besucherzahlen noch einmal erheblich steigen werden.

Anlässlich ihres 50-jährigen Jubiläums habe ich die Stiftung Preußischer Kulturbesitz als "besonders kostbaren Schatz unserer Kulturlandschaft" bezeichnet. Der Bund hat sich verpflichtet, diesen Schatz zu pflegen und zu mehren. So werden allein in die Bauten des UNESCO-Weltkulturerbes Museumsinsel rund 1,3 Milliarden Euro fließen. Ich danke den Verantwortlichen in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und in der Bundesbaudirektion, die diese Herkulesaufgabe tragen.

Weitere große Aufgaben warten auf uns. Wir wollen im Herzen der Stadt mit dem Wiederaufbau des Stadtschlosses und dem Humboldt-Forum einen Ort der Weltkunst und der Weltkultur schaffen. Dies hat mehr mit Stülers Neuem Museum zu tun, als den meisten von uns bewusst sein dürfte.

In Stülers Neuem Museum wurden ethnologische Exponate nicht als Zeugen für das Leben fremder Völker und auch nicht als Teil der Archäologie oder gar der Naturkunde ausgestellt. Sie waren Teil der Weltkunst.

Ein Zeitgenosse Stülers bezeichnete das Neue Museum als "Labyrinth der Symbolik". Labyrinthe stehen in der abendländischen Tradition für die verschlungenen Wege der Erkenntnis. Ich wünsche mir, dass die ganze kulturelle Mitte unserer Hauptstadt ein lebendiger Ort der Erkenntnis wird, der über die Komplexität unserer Welt Auskunft geben kann. Das Neue Museum wird dabei auch architektonisch ein Brückenschlag in die Zukunft der Museumsinsel sein.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.