Redner(in): Angela Merkel
Datum: 24.09.2007

Anrede: Meine Damen und Herren!
Quelle (evtl. nicht mehr verfügbar): http://www.bundesregierung.de/nn_914560/Content/DE/Archiv16/Rede/2007/09/2007-09-24-bk-klimagipfel-nyc,layoutVariant=Druckansicht.html


Der Bericht des IPCC hat uns noch einmal deutlich gemacht: Der Klimawandel ist vom Menschen verursacht, und er beschleunigt sich. Er wird zu dramatischen Schäden führen, wenn wir nicht entschlossen handeln.

Untersuchungen zeigen: Bei einem ungebremsten Klimawandel kann sich unser Wohlstand um mindestens fünfProzent verringern, vielleicht sogar um 20Prozent. Ein konsequenter Klimaschutz wäre schon mit einem deutlich geringeren Einsatz von etwa einem Prozent unseres Wohlstands erreichbar. Klimaschutz ist also auch ein Gebot der wirtschaftlichen Vernunft.

Doch nicht nur die nüchternen Fakten und Zahlen rufen uns zum Handeln auf. Es ist auch die Frage, in welcher Zukunft wir leben wollen: Wollen wir eine Welt, in der unsere Küstenstädte von Überflutung bedroht sind und in anderen Regionen gleichzeitig Wassermangel herrscht? Oder wollen wir eine Welt, in der wir unsere weitere Entwicklung sicher und erfolgreich gestalten können?

Der Bericht des IPCC sagt uns deutlich, was wir für eine nachhaltige Entwicklung tun müssen: Bis zur Mitte dieses Jahrhunderts brauchen wir mindestens eine Halbierung der globalen Emissionen. Nur so haben wir eine realistische Chance, die Erderwärmung unterhalb des kritischen Wertes von zweiGrad Celsius zu halten. Nur so können wir die schlimmsten Folgen des Klimawandels abwenden. Der G8 -Gipfel in Heiligendamm hat dazu einen wichtigen Beitrag geleistet.

Die Kernfrage ist und bleibt: Wie können wir weltweit dieses Klimaziel verwirklichen? Anders ausgedrückt: Können wir Wirtschaftswachstum und Wohlstand steigern und gleichzeitig die Emissionen halbieren? Manche zweifeln. Ich halte beides für möglich.

Wir können gewaltige Potenziale zur Minderung von Emissionen erschließen, indem wir moderne Technologien nutzen und weiterentwickeln. Strom lässt sich durch Windparks oder Solaranlagen erzeugen. Gebäude lassen sich ohne fossile Energien klimatisieren. Der Benzinverbrauch von Fahrzeugen kann drastisch gesenkt werden. Wenn wir weltweit auf einen nachhaltigen Entwicklungspfad setzen, verzichten wir nicht auf Wohlstand. Wir erzeugen ihn auf eine andere Weise.

Investitionen in klimafreundliche Technologien haben eine Voraussetzung: Sie brauchen zuverlässige Rahmenbedingungen. Die Industrieländer müssen hier Vorreiter sein. Sie müssen sich ambitionierte Reduktionsziele setzen. Sie müssen zeigen, wie sie diese erreichen wollen. Für mich ist das eine moralische und eine wirtschaftliche Notwendigkeit.

Deshalb hat die Europäische Union unter der deutschen Präsidentschaft eine integrierte klima- und energiepolitische Strategie beschlossen. Sie soll bis zum Jahr 2020 eine Minderung der Treibhausgase um mindestens 20Prozent im Vergleich zu 1990 erreichen. Europa ist sogar zu einer Minderung um 30Prozent bereit im Rahmen eines VN-Abkommens, bei dem weltweit alle Staaten einen fairen Beitrag leisten.

Die Schwellenländer und die Entwicklungsländer können und sollen weiter ein starkes Wirtschaftswachstum erzielen. Dabei sollten sich die Emissionen jedoch zunehmend vom Wachstum entkoppeln. Das bedeutet, man muss schon heute auf eine nachhaltige Entwicklung mit klimaverträglichen Technologien einschwenken. Langfristig wird dies dazu führen, dass sich die Pro-Kopf-Emissionen weltweit immer weiter angleichen und zwar auf einem Niveau, das mit unserem gemeinsamen Klimaschutzziel vereinbar ist.

Ein derartiger Prozess der langfristigen Konvergenz bietet Entwicklungsspielräume für alle. Er überfordert keinen und verwirklicht zugleich das klimapolitisch Erforderliche. Er setzt den Grundsatz der gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortlichkeit der Staaten in reale Politik und Wirtschaft um.

Eine weltweit nachhaltige Entwicklung ist möglich. Sie ist aber nur dann möglich, wenn alle mitmachen. Wir brauchen daher ein VN-Klimaabkommen für die Zeit nach 2012. Es soll eine gemeinsame Vision und einen verlässlichen Rahmen für die erforderliche Emissionsminderung vorgeben. Hinzukommen müssen weitere Elemente, insbesondere verstärkte Anstrengungen für die Anpassung an den Klimawandel.

Nur mit einem VN-Abkommen erhalten wir die Planungssicherheit, die wir für die Entwicklung und Anwendung der neuen Technologien brauchen. Nur so bekommen wir einen fairen Ausgleich der Interessen, der alle zum Handeln motiviert. Und nur so schaffen wir den Rahmen für wirtschaftliche Anreize und Technologietransfer.

Eine zentrale Rolle hat dabei der Emissionshandel. Erst wenn die Emission von Treibhausgasen einen Preis hat, werden klimafreundliche Technologien auch wirtschaftlich attraktiv. Es reicht nicht, neue Technologien nur zu entwickeln. Sie müssen auch weltweit nachgefragt werden.

Beim Ausgleich der Interessen zwischen Industrie- und Entwicklungsländern übernimmt der Emissionshandel zudem eine wichtige Funktion: Für die Industrieländer bietet er die Möglichkeit, ambitionierte Reduktionsziele kostengünstiger zu erfüllen, und für die Entwicklungsländer ermöglicht er den Technologietransfer. Nur so kann eine nachhaltige Entwicklung im globalen Maßstab gelingen.

Ein VN-Abkommen für die Zeit nach 2012 ist die Brücke, über die alle Länder zu einer nachhaltigen Entwicklung gelangen können. Auf der Klimakonferenz in Bali sollten wir uns auf einen klaren Fahrplan einigen, damit wir die Verhandlungen bis 2009 abschließen können.

Deutschland ist bereit, dazu seinen Beitrag zu leisten. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit allen Partnern in den Vereinten Nationen.