Redner(in): Monika Grütters
Datum: 16. September 2016

Untertitel: Bei der Grundsteinlegung für das Sudetendeutsche Museum hat Kulturstaatsministerin Grütters das lebendige und vielfältige kulturelle Erbe der Sudetendeutschen gewürdigt. Das neue Museum sei weniger Denkmal der Vergangenheit, sondern "eröffnet neue Perspektiven auf unsere deutsche Kultur und Identität, in der das kulturelle Erbe der Sudetendeutschen weiterlebt."
Quelle (evtl. nicht mehr verfügbar): https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Rede/2016/09/2016-09-16-gruetters-sudetendeutsches-museum.html


Bei der Grundsteinlegung für das Sudetendeutsche Museum hat Kulturstaatsministerin Grütters das lebendige und vielfältige kulturelle Erbe der Sudetendeutschen gewürdigt. Das neue Museum sei weniger Denkmal der Vergangenheit, sondern "eröffnet neue Perspektiven auf unsere deutsche Kultur und Identität, in der das kulturelle Erbe der Sudetendeutschen weiterlebt."

Es braucht natürlich, das wissen wir alle, kein Sudetendeutsches Museum, um Bekanntschaft mit dem kulturellen Erbe der Sudetendeutschen zu machen. Dieses Erbe ist nicht nur dank der ebenso vielfältigen wie engagierten Kultur- und Brauchtumspflege der Sudetendeutschen Landsmannschaft quicklebendig. Es begegnet uns auch deshalb immer wieder, weil sudetendeutsche Künstlerinnen und Künstler in vielerlei Hinsicht Geschichte geschrieben haben: Musikgeschichte wie Gustav Mahler, Literaturgeschichte wie Rainer Maria Rilke oder Marie von Ebner-Eschenbach, Kunstgeschichte wie Alfred Kubin und posthum sogar Filmgeschichte, wie Oskar Schindler, der zwar kein Künstler war, aber 1.200 Juden vor dem nationalsozialistischen Terrorregime rettete. Seine Biographie erinnert uns auch an das Schicksal der Juden in Böhmen und Mähren nach 1938, deren Anteil an Kultur und Geschichte des Sudetenlandes ebenfalls Platz im Sudetendeutschen Museum finden wird.

Kurz und gut: Das kulturelle Erbe der Sudetendeutschen lebt in vielen Bereichen unserer Gesellschaft fort - ganz im Sinne eines geflügelten Wortes des im böhmischen Kalischt geborenen Gustav Mahler: "Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche." Und dennoch - oder vielmehr: gerade deshalb - dürfen wir gespannt sein auf das Sudetendeutsche Museum, das uns jenseits der Zeitläufte auch die Alltagskultur der Deutschen in Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien nahe bringen wird - die Mohnmühle beispielsweise, die es zur Herstellung von Mohnbuchteln in jedem sudeten-deutschen Haushalt gab. Die Heimatvertriebenen vermissten sie so schmerzlich, dass sie sich hilfesuchend an die bayerischen Bäcker wandten - mit der Folge, dass man die neuen Mitbürger verdächtigte, Rauschgift herstellen zu wollen … . So sind die Mohnmühlen, die zu den Exponaten des Sudetendeutschen Museums gehören werden, zwar Symbole der alten sudetendeutschen Heimat, erzählen auf ebenso einfühlsame wie interessante Weise aber auch, wie trotz anfänglicher Ängste und Vorurteile Annäherung und Vertrauen und schließlich Zusammenhalt entstehen konnten. ( Heute gibt es ja sogar die bayerischen Brezen in der sudetendeutschen Variante mit Mohn obendrauf. )

Mit solchen Ausstellungsstücken, meine Damen und Herren, wird das Sudetendeutsche Museum nicht nur der sudetendeutschen Vergangenheit ein Denkmal setzen. Es gibt das Feuer weiter statt die Asche zu bewahren. Es eröffnet neue Perspektiven auf unsere gesamte Kultur und Identität, in der das kulturelle Erbe der Sudetendeutschen weiterlebt.

Neue, zeitgemäße Formen des Erinnerns zu finden, ist nicht zuletzt deshalb so wichtig, weil die Zahl der Zeitzeugen, die von der Heimat im Sudetenland, von Flucht und Vertreibung und vom Neuanfang in Bayern erzählen können, Jahr für Jahr abnimmt. Wenn der Erinnerungstransfer von Generation zu Generation nicht gelingt, werden Erfahrungen der Vergangenheit irgendwann zu den sprichwörtlichen "böhmischen Dörfern". Deshalb übernimmt der Bund ein Drittel der Kosten - bis zu zehn Millionen Euro - für die Errichtung des Sudetendeutschen Museums, und es freut mich besonders, dass auch die mittlerweile hochbetagten Vertriebenen die Eröffnung dieses Museums, das vielen ein Herzenswunsch war, 2018 vielleicht - hoffentlich! - noch erleben dürfen.

Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa zu bewahren, zu erforschen und zu vermitteln, so wie es der Paragraph 96 des Bundesvertriebenengesetzes vorgibt - das war und ist fester Bestandteil der Politik der Bundesregierung, und das liegt mir auch persönlich sehr am Herzen. Wir konnten die dafür vorgesehenen Mittel immer wieder deutlich erhöhen. Mit der in diesem Jahr verabschiedeten Neukonzeption der Kulturförderung nach Paragraph 96 tragen wir unter anderem dazu bei, europäische Kooperationen zu stärken und gerade jüngeren Menschen das kulturelle Erbe unter anderem auch der Sudetendeutschen zu vermitteln.

Ich bin überzeugt: Die Auseinandersetzung mit dem deutschen Kulturerbe in Mittel- und Osteuropa kann in Deutschland wie auch in unseren Partnerländern nicht zuletzt auch dabei helfen, die Krisen und Konflikte besser zu verstehen, in deren Angesicht Europa sich heute neu bewähren muss. Es geht um Themen, die Deutschland und Europa heute mehr denn je beschäftigen: um Fragen des Zusammenlebens unterschiedlicher Kulturen und Religionen, um Fragen der wechselseitigen Wahrnehmung und Anerkennung. Das verleiht der Dauerausstellung, die sudetendeutsche Geschichte vom Mittelalter bis in die Gegenwart erzählt, zeitlose Aktualität. Ich wünsche mir, dass unsere Haltung dabei im besten Sinne europäisch bleibt - offen, tolerant und mutig in dem Bemühen, Grenzen zu überwinden. Ein herzliches Dankeschön der Sudetendeutschen Stiftung und der Landsmannschaft - insbesondere Ihnen, lieber Herr Dr. Kotzian und Ihnen, lieber Bernd Posselt - für das jahrelange große Engagement, das die heutige Grundsteinlegung überhaupt erst möglich gemacht hat! Nicht was wir erleben, sondern wie wir empfinden, was wir erleben, macht unser Schicksal aus ", hat Marie von Ebner-Eschenbach - bei Kremsier in Mähren geboren - einmal gesagt. Museen machen Erinnerungen sichtbar und erfahrbar und prägen damit, wie wir empfinden, was wir und was Generationen vor uns erlebt haben. Museen sind damit gemeinsame Bezugspunkte einer Gesellschaft, die Verständigung - Grundlage einer jeden Demokratie - möglich machen. Möge dazu künftig auch das Sudetendeutsche Museum beitragen!