Redner(in): Christina Weiss
Datum: 23.07.2005

Untertitel: Kulturstaatsministerin Christina Weiss hat die mit Mitteln der Kulturstiftung des Bundes geförderte Ausstellung "Carlfriedrich Claus" in den Kunstsammlungen Chemnitz eröffnet.
Anrede: Anrede,
Quelle (evtl. nicht mehr verfügbar): http://archiv.bundesregierung.de/bpaexport/rede/05/863405/multi.htm


In seinem Manifest zur Konkreten Kunst schrieb der Niederländer Theo van Doesburg 1930: "... Nichts ist konkreter, wirklicher als eine Linie, eine Farbe, eine Oberfläche." Im "Zustand der Malerei", so Doesburg, sei alles andere Spekulation.

Die Wirklichkeit der Linie - mit dieser Form von doppelbödiger Realität war Carlfriedrich Claus Zeit seines Lebens vertraut wie kaum ein zweiter Künstler neben ihm. Er, der auch ein großer Essayist war, formulierte es in einem Aufsatz von 1967 so, natürlich alles in Kleinschreibung: produktions-beginn eines blattes ist entweder ein willentlich gefaßtes, mit sprachdenken genauestmöglich begriffenes und formuliertes thema, - oder das jeweilige chaos bzw. die automatismen des vom willen ungesteuerten'inneren dialogs'."

Die "also überlegte oder automatische niederschrift", so fährt Claus fort,"gebiert ihren ( den handschrift-eigenen ) widerspruch, der mit der situation im inneren und im äußeren milieu rückgekoppelt ist, und weitertreibt: zur fortführung der anfänglichen denkfigur, bzw. zur herbeiführung einer klärung und figurbildung im anfänglichen tohuwabohu, bzw. zum untergang." Für Claus war das Blatt Papier vor ihm auf dem Arbeitstisch der "Ort der Handlung", wie es der in Paris lebende Konzeptkünstler Jochen Gerz einmal nannte: Jenes "grenzberührungsfeld von sprachlosem und sprachdenken in seinen verschiedenen stufen und modi", welches zum "schauplatz" wird, auf dem "werkzeugdenken, halbautomatische assoziationen, wortfetzen, präzise textbildungen, logische schaltsysteme ( und ) zahlenoperationen" gegen "triebe, empfindungen, vorstellungsschübe, emotionen ( und ) negative und positive erwartungsaffekte im schreibprozess" gegeneinander antreten.

Bei Claus schafft sich das Kunstwerk eine eigene, neue Wirklichkeit, mit deren Hilfe der Betrachter seine Wahrnehmung der bisher erfahrenen Wirklichkeit ergänzen und verändern kann. Dabei ist es vor allem die Reizgestalt der Handschrift, die ihn ans Entziffern der Mikrogramme bannt und gleichzeitig in eine ungewohnte Freiheit entlässt. Eine Freiheit der Tiefe. Eine Freiheit der endlosen Fortführung über das Blatt hinaus.

Der Betrachter, der bei Claus in gewisser Weise immer auch ein Leser ist, ist hier nicht mehr an eine Zeilenfolge oder irgendeine andere regelkonforme Struktur gebunden. Im Gegenteil: Es ist die Sinnlichkeit der reinen Augenlust, wenn man sich ans Studium seiner Blätter macht und beobachtet, wie die Sätze wuchern, übereinander wachsen, sich in Linien verlieren oder zu Flächen verdichten. Oft hat der Künstler nächtelang gezeichnet und erst am Morgen bei Tageslicht gesehen, was sich da in den vorangegangenen Stunden tatsächlich auf dem Papier ereignet hat.

Als sehr aufschlussreich empfinde ich auch die Titel, die Carlfriedrich Claus seinen Arbeiten gegeben hat."Denklandschaft","Regenblatt","Textvibrationsstudie","Satzfeld" oder auch: "Porträtierter Satz", das sind die Lockvögel, die Claus ausgesendet hat, um uns in seine Expressionen hineinzuziehen. Manchmal dienen die Titel auch schlicht dazu, über Sachverhalte aufzuklären, dann wieder offenbaren sie den hintergründigen Humor, zu dem der Künstler befähigt war.

Als ich zur Vorbereitung auf diesen Abend heute in meinen alten Katalogen geblättert habe, bin ich auf ein Blatt aus dem Jahr 1961 gestoßen, das Claus "Buchenstäbe? Nein: Darstellung einer Vokal-Konsonant-Verbindung vor dem Atemstrom" genannt hat - klingt das nicht wunderbar? Führt man den Zufall ", so hat Claus damals in sein Tagebuch notiert," konsequent durch, entwickelt man das'zufällig'Angelegte, Verlangte - so wird aus dem Zufall: Notwendigkeit."Und bisweilen besteht das Notwendige im" Schweigen ". So lautet der Titel einer Arbeit aus dem Jahr 1968, für die Claus den Zeichenstift so lange über das Papier kreisen ließ, bis das Blatt fast vollständig schwarz geworden war.

Wobei das "Schweigen" in diesem speziellen Fall auch nichts anderes ist, als ein Innehalten im Kontinuum der Wörter und Bilder, das Raum schafft für neue Projektionen und Gedanken, die von den Randzonen zwischen dem Bekannten und dem Unbewussten herandrängen.

Der Lyriker, Künstler und Übersetzer Pierre Garnier, ein guter Freund von Carlfriedrich Claus, hat ihm 1991 ein Jahr nach der deutschen Wiedervereinigung eine Serie von Arbeiten gewidmet, unter denen sich auch ein Blatt befindet, auf dem ein rotes "A" und ein grünes "O" zu sehen ist.

Unter dem "A" steht "Sprechen", unter dem "O", das man auch als Kreis und Symbol der Vollkommenheit lesen kann, steht "Schweigen". Das Sprechen vollendet sich im Schweigen, dieser Satz hätte Carlfriedrich Claus sicher gut gefallen.

Ich freue mich außerordentlich, dass es den Kunstsammlungen Chemnitz mit Hilfe der Kulturstiftung des Bundes gelungen ist, diese wundervolle Ausstellung zusammenzustellen. Sie holen damit einen Künstler in ihr Museum, dessen Werk ich persönlich seit langem bewundere, auch wegen der Hartnäckigkeit, mit der der Künstler es allen Widrigkeiten zum Trotz voran gebracht hat. Carlfriedrich Claus hat sich seine geistige Freiheit immer bewahrt, selbst als dies politisch nicht unbedingt opportun war.

Er entsprach dem Typus des universell gebildeten Intellektuellen, der unbeirrbar seine Ziele verfolgte, ganz gleich, ob er dafür mit Applaus rechnen durfte oder nicht. Ich wünsche dieser Ausstellung viele begeisterte Besucher!

Vielen Dank!