Redner(in): Angela Merkel
Datum: 24.05.2006

Anrede: Sehr geehrter Herr Gru?a, sehr geehrter Herr Strasser, lieber Herr Staatsminister Neumann, sehr geehrte Gäste, die Sie heute so zahlreich hier sind, meine Damen und Herren!meine sehr geehrten Damen und Herren,
Quelle (evtl. nicht mehr verfügbar): http://www.bundesregierung.de/nn_914560/Content/DE/Archiv16/Rede/2006/05/2006-05-24-rede-von-bundeskanzlerin-angela-merkel-anlaesslich-des-empfangs-von-vertretern-des-schriftstel,layoutVariant=Druckansicht.html


Ich freue mich, Sie heute -auch im Namen des Kulturstaatsministers Bernd Neumann- recht herzlich begrüßen zu dürfen. Seit seiner Gründung im Jahr 1921 hat sich der Internationale P. E. N. überall auf der Welt unermüdlich dafür eingesetzt, dass Menschen ungehindert ihre Meinung sagen und schreiben können.

Der P. E. N. ist zwar eine Schriftstellerorganisation. Aber sein Engagement -das darf man sagen- kommt allen zugute, die den Wunsch haben, sich frei zu äußern. Die freie Meinungsäußerung ist ein Menschenrecht; sie ist ein Grundrecht. Seine Meinung zu sagen -ganz unabhängig von der jeweiligen Person- war beileibe in der Geschichte nicht immer einfach. Im 20. Jahrhundert war die Redefreiheit vor allem von Seiten der totalitären Regime unter Druck.

Und auch heute werden noch viele Schriftsteller in ihren Heimatländern verfolgt. Etwa 1.000 Autoren sind weltweit ernsthaft in Gefahr. 200 sitzen mit Strafen von über 20 Jahren im Gefängnis. 37 Autoren und Journalisten wurden letztes Jahr getötet. Für andere ist das Exil die einzige Chance -nicht nur die Chance, weiter zu schreiben, sondern überhaupt zu überleben.

Ich glaube, dass die Bundesrepublik die Pflicht hat, sich für die Rechte dieser Schriftsteller einzusetzen, und das nicht allein, aber auch wegen unserer Geschichte. Denn in den dunklen Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft fand eine große Zahl deutscher Autoren sichere Aufnahme in den Staaten der freien Welt.

Heute leben wir in Deutschland in einem freien Land. Daraus erwächst Verantwortung. Die Bundesregierung hat deshalb zusammen mit dem deutschen P. E. N. ein Stipendienprogramm für Exilschriftsteller ins Leben gerufen. Auch gegenwärtig haben sechs Autoren, u. a. aus Iran und Kuba, zumindest vorläufig eine sichere Zuflucht in Deutschland gefunden.

Gerade diese Schriftsteller werden die tiefere Bedeutung des Mottos besonders gut verstehen, unter dem der diesjährige P. E. N. -Kongress steht: "Schreiben in friedloser Welt". Aber auch uns anderen ist nur zu bewusst, dass wir nach wie vor in einer Welt leben, die in vielen Regionen von Gewalt, Unterdrückung und Krieg geprägt ist. Natürlich kann der Internationale P. E. N. der Welt nicht den Frieden bringen. Aber er kann sich für diejenigen einsetzen, die verfolgt werden, nur weil sie offen ihre Anschauung bekennen.

Darin bestärkt die Bundesregierung den P. E. N. ganz ausdrücklich. Sie tut es auch dann, wenn verschiedentlich versucht wird, die Einschränkung der Meinungsfreiheit mit den besonderen kulturellen Umständen eines Landes zu rechtfertigen. Der P. E. N. hat es stets geschafft, die allgemeine Geltung der Aufklärung mit dem Respekt vor jeder einzelnen Kultur zu verbinden. Die Spannung, die zwischen diesen beiden Werten besteht, ist nicht immer leicht auszuhalten. Nicht zuletzt der Streit um die Mohammed-Karikaturen hat uns das noch einmal eindrücklich vor Augen geführt.

Die Freiheit des Geistes und der Presse dürfen nicht vom Staat beschränkt werden, und die westlichen Demokratien dürfen sie niemals relativieren. Sie müssen offensiv für sie werben. Nur so lässt sich nach meiner Auffassung zwischen verschiedenen Kulturen Respekt und eine gemeinsame Grundlage für einen Dialog finden. Denn eines ist eindeutig: Ohne die Freiheit des Geistes und der Meinungsäußerung kann auch die politische Freiheit nicht dauerhaft bestehen.

Nun wollen wir aber auch die literarische Seite des Internationalen P. E. N. -Kongresses nicht vergessen. Wann sonst kommen so viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus aller Welt zusammen, um über Literatur zu sprechen?

Die deutschen Organisatoren des Kongresses haben entschieden, nicht deutsche, sondern internationale Literatur ins Zentrum zu rücken. Es gehört ja ohnehin zu den guten Traditionen des P. E. N. , Brücken zwischen den Nationalliteraturen zu bauen. Eben damit kann ein lebendiges Bild von dem entstehen, was wir seit Goethe "Weltliteratur" nennen.

Meine Damen und Herren, der Einsatz des P. E. N. dient der großen Aufgabe, die Freiheit in der Welt zu stärken und zu fördern. Das ist ein Anliegen, das die Bundesregierung sehr ernst nimmt. Deshalb ist es mir auch sehr wichtig gewesen, Sie heute hier im Bundeskanzleramt zu empfangen.

Lassen Sie mich am Ende Voltaire zitieren. Der große Philosoph der Aufklärung hat eine geradezu klassische Maxime geprägt: "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst."

Solange dieser Grundsatz nicht überall auf der Welt gilt, werden wir weiter für die Freiheit der Rede und der Presse streiten müssen. Ich bin sicher, wir werden es gemeinsam tun.