Redner(in): Bernd Neumann
Datum: 06.05.2007

Untertitel: Im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschafthat Staatsminister Bernd Neumann am 6. Mai 2007 in Bremen die Konferenz "Mobilität von Sammlungen - Vertrauen schaffen, Netzwerke stärken" eröffnet. Die Fachkonferenzbeschäftigte sich mit der Zusammenarbeit und der Vernetzung von Museen und kulturpolitisch Verantwortlichen in den EU-Mitgliedsstaaten, insbesondere mit Blick auf die Mobilität von Sammlungen.
Anrede: Anrede,
Quelle (evtl. nicht mehr verfügbar): http://www.bundesregierung.de/nn_914560/Content/DE/Archiv16/Rede/2007/05/2007-05-07-rede-neumann-mobilitaetskongress,layoutVariant=Druckansicht.html


Europa ist ein facettenreicher, farbenprächtiger Flickenteppich, der nirgends auf Erden seines gleichen findet."So hat der britische Historiker Timothy Garton Ash einmal Europa charakterisiert. Die von ihm angesprochene kulturelle Vielfalt ist unser großes gemeinsames Kapital in einer globalisierten Welt. Aus diesem Grund müssen wir eine Teilhabe der Bürger am kulturellen Schatz Europas sicherstellen. Einen großen Anteil hieran haben seit jeher die europäischen Museen, die mit ihren wunderbaren Sammlungen jene" Farbenpracht im Flickenteppich " dokumentieren, von der eben die Rede war. Die Mobilität von Sammlungen über die nationalen Grenzen hinaus ermöglicht es, Kunstwerke zwar nicht an ihrem Heimatort, gleichwohl aber real zu erleben. Die notwendigen Voraussetzungen für die Mobilität von Sammlungen zu schaffen, bildet aus diesem Grund einen Schwerpunkt der europäischen Kulturpolitik. Denn einen Dürer, Degas oder Velazquez kann man in ganzer Pracht nur erleben, wenn man das Gemälde im Original vor sich hat. Kein Internet und kein Bildband können diese Erfahrung ersetzen.

Ich freue mich daher sehr, Sie zu der Konferenz "Mobilität von Sammlungen - Vertrauen schaffen, Netzwerke stärken" im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsident-schaft 2007 begrüßen zu dürfen. Ganz besonders freue ich mich, dass ich Sie aus diesem Anlass zugleich in meiner Heimatstadt Bremen begrüßen kann. Bremen ist eine lebhafte und vitale Kulturstadt. Wie andere Hansestädte hat sie früh zu wirtschaftlicher Bedeutung gefunden. Der internationale Handel prägt Bremen noch immer und begründet die traditionelle Weltoffenheit der Stadt. Zugleich steht Bremen auch für eine sehr lebendige Kunst- und Theaterszene, die neben den etablierten staatlichen Kulturstätten über einer Vielzahl unabhängiger Gruppen und Initiativen verfügt. Dies garantiert Kreativität und jene Vielfalt im Kleinen, wie wir sie uns auch für Europa im Großen pflegen und bewahren wollen. Wenn Sie während Ihres Aufenthalts in Bremen die Gelegenheit haben, möchte ich Sie herzlich dazu einladen, diese Stadt für sich zu entdecken.

Das Thema unserer Tagung steht zu Recht auch vorne auf der europäischen Agenda im Kulturbereich. Der unter finnischer Präsidentschaft entwickelte Aktionsplan mit den sieben Arbeitsschwerpunkten bildet einen sehr guten Ausgangspunkt. Mit der Konferenz hier in Bremen wollen wir nun unter deutscher Ratspräsidentschaft weiter vorankommen.

Meine Damen und Herren, kulturelle Vielfalt drückt sich nicht nur in unterschiedlichen künstlerischen Sichtweisen und Traditionen aus. Auch die Verwaltungs- , Finanzierungs- und Ausbildungstraditionen der für den Aufbau und die Bewahrung von Sammlungen zuständigen Kulturinstitutionen sind in Europa unterschiedlich. Das ist nicht immer von Vorteil. Es schafft auch Hindernisse die einem uneingeschränkten Austausch von Sammlungen über nationale Grenzen hinweg im Wege stehen. Deshalb freue ich mich, dass auf europäischer Ebene die Einrichtungen selbst die Initiative ergriffen haben, um solche Hindernisse zu identifizieren und sie nach Möglichkeit zu überwinden.

Die Europäische Gemeinschaft verfügt zwar inzwischen über gute Erfahrungen, wenn es um einen grenzüberschreitenden Austausch geht. Nur war dies bisher ein Instrumentarium zum Aufbau des Binnenmarktes einer sich Schritt für Schritt erweiternden Gemeinschaft. Wir reden hier aber nicht von einem "Binnenmarkt für Sammlungen", wir reden auch nicht über das Kaufen und Verkaufen kultureller Güter oder über Angebot und Nachfrage kultureller Dienstleistungen. Wir reden vielmehr über einen kulturellen Austausch. Dies dürfen wir bei der weiteren Diskussion nicht vergessen, sonst laufen wir Gefahr, die Chancen der europäischen Kulturpolitik zu verspielen. Kulturgüter sind eben wegen ihres ideellen Wertes nicht immer mit normalen Wirtschaftsgütern vergleichbar. Deshalb haben wir uns auch mit aller Kraft für die Ratifizierung des UNESCO-Übereinkommens zum Schutz und zur Förderung der kulturellen Vielfalt eingesetzt.

Wenn wir uns bewusst sind, dass die Fragestellungen zur Mobilität von Sammlungen in Europa in den Bereich der europäischen Kulturpolitik gehören, dann heißt dies auch, dass unsere Diskussion wesentlich durch die sehr beschränkte Kompetenz der Europäischen Gemeinschaft auf diesem Gebiet geprägt wird. Ich halte das Fortbestehen einer originären Kompetenz der einzelnen Mitgliedstaaten nach wie vor für richtig und wichtig. Zugleich begründet der für die europäische Kulturpolitik prägende Artikel 151 Abs. 5 EG-Vertrag aber die Notwendigkeit, Alternativen zu einer verbindlichen Harmonisierung des Rechtsrahmens im Kulturbereich zu entwickeln. Und an dieser Stelle ist sicherlich ein Anknüpfungspunkt für das Thema der heutigen Konferenz: Vertrauen. Den am Austausch von Sammlungen beteiligten Institutionen muss ein vertrauenswürdiger Rahmen geboten werden. Ein solches Vertrauen beruht immer auch auf Erfahrungsaustausch, einer Kenntnis der Bedingungen im Partnerland und auch auf einheitlichen, miteinander verbindlich vereinbarten Absprachen. Das Ergebnis dieser Konferenz wird hoffentlich zugleich unserer Beitrag sein, nach Außen zu zeigen, dass einheitliche europäische Lösungen im Kulturbereich auch unter der erforderlichen Berücksichtung der autonomen Entscheidungskompetenz der einzelnen Mitgliedstaaten sehr gut möglich sind.

Ich will es an dieser Stelle dabei belassen, die oft betonte "Subsidiarität" in Erinnerung zu rufen. Aber es ist sicherlich kein Zufall, dass die Fachleute der betroffenen Institutionen auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene selbst die Debatte über mögliche Veränderungen einer grenzüberschreitenden Ausleihpraxis in Europa führen und sich um Abbau von Hindernisse bemühen. Am Horizont unserer Debatte steht daher primär eine veränderte Praxis durch die Betroffenen selbst und nicht das Schreckgespenst einer neuen EU-Richtlinie.

Ich wünsche unserer Konferenz daher einen positiven Verlauf und ergebnisreiche Diskussionen und darf mich an dieser Stelle bereits ganz besonders bei Frau Dr. Wiebke Arndt, der Direktorin des Überseemuseums für die Gastfreundschaft, die wir hier im Museum in Bremen genießen, bedanken.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.