Redner(in): Angela Merkel
Datum: 02.10.2007

Untertitel: in Marburg
Anrede: Sehr geehrter Herr Vasella, lieber Roland Koch, Herr Minister, Herr Oberbürgermeister, meine Damen und Herren!
Quelle (evtl. nicht mehr verfügbar): http://www.bundesregierung.de/nn_914560/Content/DE/Archiv16/Rede/2007/09/2007-10-02-novartis,layoutVariant=Druckansicht.html


Ich bin heute gerne hierher gekommen. Ich habe es Herrn Vasella neulich schon erklärt: Wir sind froh, Unternehmen mit Sitz auch außerhalb unserer Landesgrenzen in Deutschland zu haben, die hier zur Wertschöpfung beitragen und die durch ihre Anwesenheit zeigen, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier in Marburg an dieser Stelle Gutes, sehr Gutes, Exzellentes leisten.

Wir stellen uns damit auch den Herausforderungen, die die Globalisierung mit sich bringt. Wenn wir den Pharmastandort Deutschland weiter entwickeln wollen, dann wissen wir, dass wir das mit eigenen Firmen deutscher Herkunft tun können, dass aber inzwischen natürlich auch die Internationalisierung dazu beiträgt, dass hier sehr Exzellentes produziert werden kann.

Es ist schon darauf hingewiesen worden, dass die Tradition der Marburger Behringwerke weiter zurückreicht, als Novartis hier beheimatet ist. Der erste Medizin-Nobelpreisträger Emil von Behring hat diese Werke vor über 100Jahren gegründet. Dass hier heute eine Schweizer Firma das Know-how nutzen kann, kann man als eine Kombination von Schweizer Präzision und deutscher Gründlichkeit und Erfinderkraft bezeichnen. Diese Kombination scheint hier ganz gut zu funktionieren.

Sie haben hier wunderbar investiert. 1. 100Arbeitskräfte sind hier beschäftigt. Der neue Impfstoff wird hier nicht nur produziert, er ist auch hier entwickelt worden. Diese Kombination von Entwicklung und Produktion macht natürlich auch den Charme aus. Deshalb gilt mein Gruß, mein Dank und meine Hochachtung vor allen Dingen auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hier vor Ort. Wir sind natürlich darauf gespannt, uns gleich noch anschauen zu können, wie denn das Ganze vor sich geht.

Für den Impfstoff wurde die Zulassung der Europäischen Kommission im Juni 2007 erteilt. Was die aktuellen Impfstoffe anbelangt, muss man ja immer ein bisschen auf die Saison warten. Aber was vor allen Dingen wichtig ist, ist, dass das neue Verfahren uns in die Lage versetzt, sehr viel mehr und sehr viel sicherer und unabhängiger von äußeren Einflüssen Pandemien zu bekämpfen.

Die Frage, welche Sorgen uns Pandemien machen, hat uns in den letzten Jahren sicherlich mehr als früher beschäftigt. Sie wird uns auch in Zukunft mehr beschäftigen. Die Mobilität der Menschen und die engen Zusammenhänge um den Globus herum lassen die Verbreitung von Pandemien wahrscheinlicher erscheinen. Das heißt, wir müssen uns dagegen sichern.

Wenn Krankheiten auftreten, die Pandemiecharakter annehmen können, ist die Sorge sehr groß. Wenn das nicht der Fall ist und das Thema nicht in unserem Bewusstsein ist, dann legen wir es nur allzu schnell zu den Akten. Aber die Entwicklung von Möglichkeiten, sich gegen Pandemien zu wappnen, dauert Jahre. Man muss gut vorbereitet sein und die Produktionskapazitäten müssen ausreichen. Deshalb hat die Bundesregierung hier unterstützend und planend mit eingegriffen. Das ist eine sehr gute Kooperation.

Die forschende pharmazeutische Industrie ist eines der Standbeine von dem, was wir Hochtechnologiestandort Deutschland nennen. Ich will an dieser Stelle noch einmal in Erinnerung rufen, dass gerade die pharmazeutische Industrie auf langfristige, berechenbare Investitionsbedingungen angewiesen ist, genauso wie auf den Schutz des geistigen Eigentums, also auf vernünftige, einklagbare patentrechtliche Regelungen.

Die Entwicklung eines neuen Wirkstoffs erfordert im Durchschnitt einen Aufwand von etwa 800Millionen Euro und dauert oft länger als zehn Jahre. Das heißt, wenn man in Deutschland oder in Europa nicht verlässlich darauf bauen kann, dass im Anschluss, also bei der Verwertung eines solchen Wirkstoffs, die Möglichkeit gegeben ist, das Investierte auch wieder zu verdienen, dann wird hier keine Forschung mehr stattfinden. Ich will aber für die Bundesregierung sagen: Wir haben ein hohes Interesse daran, dass Deutschland nicht nur Produktionsstandort ist, sondern dass Deutschland auch ein guter Standort für die forschende Arzneimittelindustrie ist. Forschung ist die beste Medizin " so heißt die Informationskampagne des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller. Ich glaube, die Überschrift ist gut gewählt. Auf die pharmazeutische Forschung bezieht sich auch die Hightech-Strategie der Bundesregierung. Wir haben zum ersten Mal sehr systematisch eine Strategie für 17Sektoren entwickelt, die uns in den einzelnen Bereichen an die Spitze bringen oder an der Spitze halten kann.

Wir wollen es bis 2010 schaffen das ist sehr anspruchsvoll und bedarf der Mitwirkung der Industrie, jährlich dreiProzent unseres Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Entwicklung auszugeben. Davon wird etwa ein Drittel durch die staatlichen Institutionen bereitgestellt und zwei Drittel müssen aus der Wirtschaft kommen. Aber die Frage, ob die Wirtschaft forscht, hängt natürlich auch von den politischen Rahmenbedingungen ab. Auch auf diese zwei Drittel haben wir also einen gewissen Einfluss.

Herr Vasella hat sich mit dem Ministerpräsidenten schon über dessen Möglichkeiten unterhalten. Aber auch die Bundesregierung weiß um ihre Verantwortung und das nicht nur bezogen auf den Straßenbau, bei dem wir Hessen natürlich immer fest im Blick haben. Ich bin allerdings staufrei hierher gekommen, was dafür spricht, dass der Straßenbau bei mir nicht als dringendstes Anliegen geparkt bleibt. Mal sehen, ob ich staufrei wieder zurückkomme aber nicht, dass Sie mir noch einen Stau organisieren. Ich weiß allerdings, dass die gesamte Umgebung von Frankfurt Verkehrsinvestitionen nie abhold ist und sie auch gut brauchen kann. Keine Sorge: Wir tun, was wir können. Wirtschaftswachstum ist natürlich die beste Maschine, um hier in die Infrastruktur genauso wie in die Forschung mehr investieren zu können.

Was die Gesundheitsforschung anbelangt, so gibt es bei ihr, glaube ich, eine sehr, sehr gute Symbiose zwischen der Aufgeschlossenheit der Bevölkerung, der Expertise, die seit Jahrzehnten in Deutschland vorhanden ist, und den Möglichkeiten, die wir heute haben. In bestimmten Forschungsbereichen gibt es aber auch eine sehr große Skepsis der Bevölkerung. Hier müssen wir daran arbeiten, auch an den Mentalitäten etwas zu ändern.

Aber gerade in der Gesundheitsforschung brauchen wir diese Sorge nicht zu haben. Deshalb ist es richtig Sie haben die Alzheimersche Demenz erwähnt, dass Deutschland hier einen Forschungsschwerpunkt setzen und die Kapazitäten konzentrieren möchte. Die Forschungsministerin erarbeitet dazu derzeit einen Vorschlag. Wir sind aufgeschlossen und bereit, an dieser Stelle im Sinne eines Leuchtturmprojekts einen Punkt zu setzen. Vielleicht finden sich hier auch Möglichkeiten der Kooperation.

Wir wollen jedenfalls dafür Sorge tragen, dass das Drei-Prozent-Ziel erreicht werden kann, weil wir davon überzeugt sind, dass die Zukunftsfähigkeit unserer Arbeitsplätze davon abhängt, dass wir nicht nur produzieren, sondern auch forschen, entwickeln und eigentlich das nächste Produkt immer schon im Auge haben, wenn wir das vorherige verkaufen.

Wir wissen, dass wir als Bundesrepublik ein offener Standort sein müssen. Wir wissen inzwischen auch, dass wir auf globale Spielregeln drängen müssen. Es geht nicht mehr nur um deutsches Patentrecht, sondern es geht zum Beispiel auch um die Frage des europäischen Patents. Hier deuten sich Fortschritte an, seitdem es eine neue französische Regierung gibt. Wenn es uns gelänge, im Sinne des Londoner Protokolls bei den Patenten den Sprachenstreit etwas zu mindern, dann könnten europäische Patente um Größenordnungen effizienter und billiger sein. Wir wissen auch: Wenn Patente nicht mehr angemeldet werden, weil die Anmeldezeiten zu lang sind, dann ist im Grunde auch die Einklagbarkeit von Schutzmöglichkeiten nicht mehr gegeben.

Insofern sind wir also bemüht, die Rahmenbedingungen insgesamt vernünftig zu gestalten sowohl auf der europäischen Ebene als auch hier im Lande, in der Bundesrepublik Deutschland. Wenn wir heute erfahren, dass zum Beispiel der Präsident der amerikanischen Handelskammer hier in Deutschland sagt, 80Prozent der in Deutschland ansässigen amerikanischen Unternehmen planten in den nächsten ein bis zwei Jahren Investitionserweiterungen, dann spricht das für den Standort Deutschland.

Der hessische Ministerpräsident und die gesamte Landesregierung haben in den letzten Jahren natürlich unglaublich viel getan, um die Offenheit für Forschung und Entwicklung zu dokumentieren und damit auch die Weichen für die Zukunft in diesem Bundesland richtig zu stellen.

Insofern sage ich hier noch einmal für die Bundesregierung: Wir sind froh, dass Sie als Novartis hier dabei sind. Wir sind froh, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Deutschland Produkte entwickeln in diesem Falle Impfstoffe, die von allergrößter Bedeutung sind. Wir sind froh, dass wir Partner haben, mit deren Hilfe wir uns besser vor Pandemien schützen können, und die Segnungen von Forschung und Entwicklung für die Gesundheit von Menschen einsetzen können.

Aus all diesen Gründen bin ich aus großer Überzeugung heute hierher gekommen, um einfach symbolisch deutlich zu machen: Wir wollen weiter spitze sein und wir sind spitze. Als verantwortliche Politiker werden wir alles dafür tun, dass der Standort Deutschland einen guten Ruf hat auch in der von Roland Koch genannten Kombination von Universitäten und Forschungsstandorten, die in zunehmendem Maße auch nach Exzellenzkriterien und Kompetenzkriterien bewertet werden. Auch das ist ein Schritt, den Deutschland lange nicht gegangen ist, mit dem wir uns jetzt aber dem internationalen Wettbewerb stellen.

Also, lieber Herr Vasella, sprechen Sie gut über uns, auch wenn Sie Deutschland wieder verlassen haben. Glückwunsch an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir sind über jede Investition auch in Zukunft sehr froh.