Redner(in): Bernd Neumann
Datum: 04.03.2011

Untertitel: In seiner Rede würdigte Kulturstaatsminister Bernd Neumann den Dichter Heinrich von Kleist als Prototyp des modernen Künstlers und des modernen Literaten. Der Staatsminister verwies auch auf das vielfältige und ideenreiche Programm des Kleist-Jahres 2011.
Anrede: Anrede,
Quelle (evtl. nicht mehr verfügbar): http://www.bundesregierung.de/nn_1498/Content/DE/Rede/2011/03/2011-03-04-neumann-kleist,layoutVariant=Druckansicht.html


wir alle, Sie alle haben sich heute hart an der deutsch-polnischen Grenze versammelt, um eines Mannes zu gedenken, den viele Deutsche auch heute noch ohne viel Nachdenken als "Klassiker" als "deutschen Klassiker" bezeichnen. Das ist durchaus bemerkenswert, denn Klassikerfeiern sind aus der Mode gekommen.

Aber Kleist ist, man muss sagen: immer noch, Gegenstand der Lehrpläne der Sekundarschulen und Gymnasien und er belegt in den verschiedenen Statistiken des Deutschen Bühnenvereins, vor allem mit dem "Zerbrochenen Krug", ziemlich konstant einen der vorderen Plätze.

Klassiker-Gedenken in Deutschland bedeutet die üppige mediale Inszenierung eines Gedenkdatums durch Beilagen und Sonderseiten in den Printmedien, Themensendungen in den Bildmedien, preiswerte Werkausgaben in den Buchhandlungen. Der Kulturbetrieb beteiligt sich mit Klassikeraufführungen oder Ausstellungen.

So sind denn auch pünktlich zum Kleist-Jahr ein halbes Dutzend neuer deutschsprachiger Kleist-Biographien erschienen, deren Autoren heute teilweise anwesend sind ( Jens Bisky, Günter Blamberger ) . Die vor über 20 Jahren begonnene und vom Bund mit nicht nachlassender Geduld geförderte 20-bändige "Brandenburger Kleist-Ausgabe" konnte unlängst mit dem Erscheinen eines dritten Briefbandes abgeschlossen werden. Nur am Rande sei bemerkt, dass die Herausgeber mit dieser Ausgabe neue Maßstäbe für Klassikereditionen gesetzt haben. Wir haben derzeit nicht nur eine, sondern drei neue Kleistausgaben.

Aber, was verstehen wir eigentlich unter einem Klassiker? Schlicht ist da die Feststellung, die Martin Walser 1984 anlässlich der Eröffnung des gewaltigen von Siegfried Unseld initiierten Editionsvorhabens "Bibliothek Deutscher Klassiker" getroffen hat und die eine Begriffsdefinition mit einer ganz praktisch anmutenden Empfehlung verbindet: "Die uns beleben, die können wir brauchen, das sind Klassiker". Ein moderner, demokratischer Klassikerbegriff, dem freilich auch eine gewisse Beliebigkeit anhaftet, denn nur der Einzelne kann für sich, und deswegen im Laufe eines längeren Lebens womöglich gar wechselnd und unterschiedlich und immer neu, beantworten, was ein Klassiker ist.

Derselbe Martin Walser hat übrigens vor kurzem, zusammen mit so unterschiedlichen Autoren wie Martin Mosebach, Alexander Kluge, Brigitte Kronauer und Moritz Rinke unter der Überschrift "Wie gefährlich ist Kleist" in der ZEIT geschrieben: " WENN

es eine Stadt gäb ‘ , in der im Theater JEDES Jahr ein Stück von Kleist gespielt wird da zög ‘ ich hin."

Da passt es dann ganz gut, dass einer der profiliertesten deutschen und zudem im Ausland lehrenden Literaturwissenschaftler, Hans Ulrich Gumbrecht, kürzlich eine "neue Beziehung zu den Klassikern" konstatiert hat. Gumbrecht berichtet in diesem Zusammenhang, wie sich seine Studenten in Stanford gerade für Kleist begeistert hätten und er nach Brasilien eingeladen worden sei, um an einer Universität im Urwald drei Vorlesungen über Kleist zu halten.

Was macht einen Klassiker wie Kleist heute, gerade für jüngere Menschen, so attraktiv? Kleist, der vielfach, ja eigentlich in jeder Hinsicht Gescheiterte, ist ein Prototyp des modernen Künstlers, des modernen Literaten. Er pflegte einen Habitus, der erst ein halbes Jahrhundert später gesellschafts- und salonfähig wurde. Und heute, 200 Jahre nach seinem Tod, wäre er natürlich unbedingt und unbeschränkt förderfähig. Denn Kleist besaß alles, was heute unabdingbare Voraussetzung für staatliche oder institutionelle Förderung ist.

Förderung ist: eine eigenständige, durch nichts korrumpierbare Position mit hoher künstlerischer Aussagekraft. Vielleicht hätte er mit 34 den Büchner-Preis gerade noch nicht erhalten, aber mit Sicherheit eine ganze Reihe anderer Literaturpreise, vielleicht sogar seinen eigenen, den nach ihm benannten Kleist-Preis mit seiner originellen und juryfreien Preisträger-Auswahl, an dessen Finanzierung sich der Bund übrigens ja seit langem beteiligt.

Ganz sicher wäre Kleist vom Deutschen Literaturfonds gefördert worden, also wiederum mit Bundesmitteln. Vielleicht wäre er auch, um der winterlichen Trostlosigkeit der brandenburgischen Kiefernwälder zu entfliehen, in die Villa Massimo eingeladen worden. Freilich hätte er heute noch ein wenig warten müssen, damit die Kulturstiftung der Länder und der Bund, sich für einen Erwerb seines Nachlassen für die Akademie der Künste oder das Deutsche Literaturarchiv in Marbach engagiert hätten, es sei denn, er hätte sich entschieden, seine Manuskripte den genannten Instituten schon als Vorlass anzubieten.

Die Kulturförderung des Bundes ist schwerpunktmäßig und im Hinblick auf die Verfassungspraxis, die sich zwischen Bund und Ländern entwickelt hat, auf Bewahrung, Pflege und Vermittlung des kulturellen Erbes ausgerichtet.

Dies ist der Aspekt, unter dem sie sich seit 1990 an der Förderung des Kleist-Museums und nunmehr auch an der Finanzierung seines Erweiterungsbaus beteiligt, für den wir heute Mittag den Spaten angesetzt haben.

Aber am Beispiel Kleist habe ich auch angedeutet, was der Bund für die Förderung der zeitgenössischen Kunst, der noch lebenden Künstler unternimmt, die vielleicht einmal zu Klassikern werden, und die dann eines fernen Tages unsere Enkel und Urenkel im Walserschen Sinne "beleben" und die sie "brauchen" können.

Heinrich von Kleist war vielleicht ein Christoph Schlingensief seiner Zeit, nur anders als ersterer ist letzterer zu Lebzeiten von vielen bewundert und nicht als "nichtsnutziges Glied der menschlichen Gesellschaft bezeichnet" worden.

Kleist hat unter den Augen der Goethes, Herders, Kants ein Leben und ein Werk gewagt, das in

jeder Hinsicht unzeitgemäß und seiner Zeit voraus war. Kleist hat das klassizistische Idealbild einer griechischen Antike demontiert, die von edler Einfalt und stiller Größe und marmorweiß war. In seinem Umgang mit der deutschen Sprache war er ein Revolutionär von napoleonischem Format. In seiner Zeit ist er nicht nur deswegen grandios gescheitert. Kleists Texte sind nicht zuletzt auch Speicher einer kulturellen Erinnerung, die aufbewahren, was vor zweihundert Jahren mit und in unserer deutschen Sprache möglich war.

Ich bin heute auch deswegen gerne in die Geburtsstadt Kleists gekommen, weil ich bemerkens- und anerkennenswert finde, mit welchem Engagement man sich hier seit längerem dem literarischen Erbe des größten Sohnes der Stadt widmet. Ganz besonders erfreulich finde ich, wie ein Engagement, das sich vor 1989 vor allem in der westdeutschen Kleist-Gesellschaft und dem Trägerverein des Frankfurter Museums getrennt und konkurrierend entwickelt hatte, in den letzten Jahren zusammengewachsen ist.

Beide haben erkannt, dass es klug und sinnvoll sein kann, Kräfte im Interesse der gemeinsamen Sache zu bündeln. Es ist dies allemal ein Gebot der Stunde, wenn die finanziellen Ressourcen nicht beliebig vermehrbar sind. Das vielfältige, ideenreiche Programm des Kleist-Jahres legt davon Zeugnis ab und scheint mir dazu angetan, neues Interesse an diesem alten Klassiker zu wecken.

Wenn Kleist auch "auf Erden nicht zu helfen war", wie er in seinem letzten Brief am Morgen des Todestages an seine Schwester Ulrike schrieb, so ist doch 200 Jahre nach seinem Tod mit vereinten Kräften von Bund, Land und Stadt und zahlreichen Einzelnen im Kleistjahr 20011 viel dazu getan worden, die Erinnerung an ein tragisches Leben und ein großes Werk zu beleben und zu vertiefen, das unsere Kultur und unsere Sprache nachhaltig bereichert hat.