Redner(in): Gerhard Schröder
Datum: 14.11.2000

Anrede: Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, sehr geehrte Frau Lamme Janssen, sehr geehrter Professor Fest, meine sehr verehrten Damen und Herren!
Quelle (evtl. nicht mehr verfügbar): http://archiv.bundesregierung.de/bpaexport/rede/66/23866/multi.htm


Innerhalb weniger Wochen bin ich nun schon zum zweiten Mal in der Region Weser-Ems.

Der Anlass ist auch diesmal hocherfreulich: Ein Museum für zeitgenössische Kunst wird eingeweiht.

Nach der Eröffnung des großen Erweiterungsbaus der Kunsthalle Emden für die Sammlung Otto van de Loo wird heute, einen Tag vor Janssens Geburtstag, der morgen 71 Jahre alt geworden wäre, hier in Oldenburg das Horst-Janssen-Museum der Öffentlichkeit übergeben.

Janssens Werk erhält damit eine Heimat in der Stadt, in der er aufgewachsen ist.

Das Horst-Janssen-Museum besitzt etwa 2.000 Arbeiten des Künstlers aus allen Schaffensphasen, von denen gut 300 ausgestellt werden können, ergänzt um Grafik des 20. und nun bald auch des 21. Jahrhunderts.

Oldenburg würdigt mit diesem Museum einen herausragenden und überaus vielseitigen Künstler, der Maßstäbe gesetzt hat.

Horst Janssen ist für mich einer der größten Zeichner und Künstler unserer Zeit. Er hat sich nie einem modischen Trend zu- oder gar unterordnen lassen.

Janssen ist immer seinen eigenen Weg gegangen: eigenwillig, produktiv, besessen, arbeitssüchtig und begeisterungsfähig.

Als Zeichner, Grafiker, Maler, Radierer, Holzschneider und Lithograf fand er internationale Anerkennung - dieser "deutscheste" zeitgenössische Künstler unseres Landes, wie er, der Skeptiker und kritische Demokrat, sich selbst einmal bezeichnet hat.

In dem neuen Museum wird man sich von nun an mit Horst Janssen und seinem Werk intensiv auseinandersetzen können. Ach, Klokschieterei! " hätte Horst Janssen jetzt gesagt.

Er wollte so wenig Aufheben wie möglich um seine Person, das weiß ich wohl, aber angesichts dieser wunderbaren Präsentation kommt man um eine Würdigung des Künstlers und seines Werkes nicht herum.

Mit vielen Zeitgenossen teile ich die Bewunderung und Begeisterung für seine Bilder und seine Zeichnungen, aber auch für die Sprachgewalt und Scharfzüngigkeit in seinen vielen Büchern.

Horst Janssen war eine facettenreiche Persönlichkeit. Vor allem aber, denn so habe ich ihn erlebt und in Erinnerung behalten, war er ein integrer und aufrichtiger Mensch, ein kluger und witziger Gesprächspartner, ein verlässlicher und großherziger Freund.

Ein ganz und gar uneitler, unprätentiöser Künstler mit viel Humor.

Der lebte, was er zeichnete und schrieb. Und der zeichnete, was und wie er lebte.

Und bei allen Eskapaden, die es ja offenbar in großer Zahl gegeben hat - jedenfalls berichten das seine Freunde - , war Horst Janssen ein durch und durch ernsthafter, vor allem aber ein sehr empfindsamer Künstler.

Er war aber auch einer, der sein eigenes Leben und Arbeiten "verkehrtrum" fand, der poltern und schimpfen konnte, der für empfindsame Seelen auch schon einmal sehr direkt und schroff sein konnte.

Trotzdem konnte seine gern zitierte "spitze Feder" sehr liebevolle Bilder zeichnen, vor allem unter den Porträts sind lauter Liebeserklärungen an lebende und tote Genies, wie Sie bei Ihrem Rundgang feststellen werden.

Anders, wenn er sich selbst bespiegelte: In seinen Selbstporträts - Janssen sprach wenig ehrfürchtig nur von seiner eigenen "Visage" - , forschte er voller Neugier den Schrecken der menschlichen Seele nach.

Die vielfältige, faszinierende und herausfordernde Welt des Horst Janssen zu erleben und zu entdecken, dafür bietet dieses Museum künftig allen Besuchern reichlich Gelegenheit.

Meine Damen und Herren,

natürlich geht es heute zuallererst um Horst Janssen und das neue Museum. Aber gestatten Sie mir ein paar Bemerkungen, die über diesen unmittelbaren Anlass hinausgehen.

Oldenburg verfügt, wie Sie wissen, auch noch über ein bedeutendes Landesmuseum mit der Galerie Alter Meister und dem Augusteum sowie über ein Stadtmuseum, das für seine umfangreiche Grafiksammlung bekannt ist. Über die Jahre hat sich die Stadt zu einem eindrucksvollen Museumsstandort Norddeutschlands entwickelt.

Die Region Weser-Ems bindet das Horst-Janssen-Museum in eine besonders dichte und sehr attraktive Kunstlandschaft ein.

Denken Sie nur an das Gerhard-Marcks-Haus in Bremen, die Museen und Sammlungen in Worpswede, Bremen und Emden, das Felix-Nussbaum-Museum in Osnabrück, dessen Eröffnung in Libeskinds eindrucksvollem Bau ja auch noch gar nicht so lange zurückliegt.

Das Ausstellungs- und Veranstaltungskonzept des Horst-Janssen-Museums klingt vielversprechend. Aber selbst vorzügliche Planungen und Visionen können nur umgesetzt werden, wenn sie auch von den Menschen getragen, bereichert und gefördert werden.

Deshalb kann ich die Bürgerinnen und Bürger dieser Region nur auffordern: Nutzen Sie diese Chance!

Schauen Sie sich an, was hier an großartigen Werken präsentiert wird. Nehmen Sie sie in Besitz! Und unterstützen Sie dieses Museum, so gut Sie es können! Denn es verbindet eine kluge kulturpolitische Konzeption mit privatem und öffentlichem Engagement.

Diesem Museum lag von Anbeginn der Gedanke eines - wie es heute so schön heißt - "public-private-partnership" zugrunde. Die wirkliche Wirklichkeit dieser Welt steckt in den Wörtern und Begriffen! ", höre ich Horst Janssen mahnend dazwischen rufen und über diesen Anglizismus kichern.

Ich bin aber sicher, die Idee dahinter hätte ihn überzeugt: Seiner Heimatstadt Oldenburg, stolz auf ihren bedeutenden Bürger, ist es gelungen, ein anspruchsvolles Projekt zu realisieren, das sich auch dem privaten Engagement vieler Bürgerinnen und Bürger verdankt.

Und natürlich dem Verhandlungsgeschick der Oldenburger Kommunalpolitiker, die das Land Niedersachsen dazu bewegen konnten, 6 Millionen Mark zuzuschießen - das ist mehr als die Hälfte der gesamten Baukosten.

Der Förderverein gewann für das Museum vier private Sponsoren - und ohne deren Unterstützung könnten wir das neue Haus heute nicht einweihen.

Claus Hüppe hat - neben seiner Sammlung - mit einer Spende von 1,1 Millionen Mark entscheidend dazu beigetragen, diesen schönen Museumsbau zu errichten.

Das Horst-Janssen-Museum ist ein äußerst gelungenes Beispiel dafür, wie unser Leben durch bürgerschaftliches Engagement bereichert wird.

Meine Damen und Herren,

gute Taten brauchen Ermutigung. Darum haben wir uns als eine der wichtigsten kulturpolitischen Aufgaben dieser Regierung die Verbesserung des Stiftungsrechts vorgenommen.

Das "Gesetz zur weiteren steuerlichen Förderung von Stiftungen" wurde im Juli verkündet - und es zeigt bereits Wirkung. Ich glaube, es ist nicht vermessen, von einer neuen Stiftungsoffensive in Deutschland zu sprechen.

Private Stiftungen und Spenden lohnen sich: Der Staat verzichtet auf Teile der Einkommensteuer, der Körperschafts- , Gewerbe- , Erbschafts- und Schenkungssteuer, damit mehr privates Geld in die Kultur fließt.

Dafür muss man nicht unbedingt Millionär sein. Nein, jetzt ist es auch für breitere Schichten der Bevölkerung interessant, sich - auch mit kleinen Beträgen - an Stiftungen zu beteiligen oder eigene Stiftungen zu gründen.

Die Reform des Stiftungssteuerrechts war der erste Schritt. Jetzt gilt es, das zivile Stiftungsrecht zu entrümpeln, damit es nicht nur lohnender, sondern auch einfacher wird, als Mäzen zu wirken.

Meine Damen und Herren,

dem Horst-Janssen-Museum wünsche ich, dass es bald zum Treffpunkt wird, den die Oldenburger mit Stolz und die auswärtigen Gäste mit Neugier besuchen.

Vor allem danke ich nochmals allen, die mit ihrer Tatkraft, ihrem Fleiß und ihrem Bürgersinn dieses Museum möglich gemacht haben.