Redner(in): Hans Martin Bury
Datum: 10.09.2001

Untertitel: "Ich freue mich, dass heute die erste Klappe für das Masterclass-Projekt der Deutsch-Französischen Filmakademie fällt."
Anrede: Anrede,
Quelle (evtl. nicht mehr verfügbar): http://archiv.bundesregierung.de/bpaexport/rede/27/55527/multi.htm


ich freue mich, dass heute die erste Klappe für das Masterclass-Projekt der Deutsch-Französischen Filmakademie fällt. Dieser Tag ist das Ergebnis gemeinsamer intensiver Bemühungen, ein ambitioniertes Projekt der deutsch-französischen Kooperation im Bereich Filmkultur nach Ludwigsburg zu holen.

Am Anfang stand die Idee des Bundeskanzlers:

Im November 1999 regte Gerhard Schröder in seiner Rede vor der Französischen Nationalversammlung die Gründung einer Deutsch-Französischen Filmakademie an. Der französische Präsident Jacques Chirac griff die Idee auf.

Für mich war klar: Dieses Projekt muß nach Ludwigsburg. Ludwigsburg ist der ideale Standort.

Hier gibt es eine sehr erfolgreiche Filmakademie, die sich mit innovativen Ausbildungsgängen, engagierten Dozenten und erfolgreichen Absolventen international einen hervorragenden Ruf erarbeitet hat. Hier gibt es eine bunte Szene junger Medienunternehmen.

Und hier, in Ludwigsburg, gibt es eine lange und lebendige Tradition der deutsch-französischen Freundschaft.

Ludwigsburg war die erste deutsche Stadt, die eine offizielle Partnerschaft mit einer französischen Kommune einging. ( 1950: Montbeliard ) .

Und die 1962 in Ludwigsburg gehaltene Rede des damaligen französischen Präsidenten Charles de Gaulle an die deutsche Jugend gehört zu den Meilensteinen auf dem Weg zur deutsch-französischen Freundschaft.

Die einmalige Kombination: Eine international renommierte Filmakademie und eine hohe Symbolkraft der Stadt für die deutsch-französische Freundschaft sind ideale Voraussetzungen für die deutsch-französische Zusammenarbeit im Bereich Film.

Claus Schmiedel und ich hatten deshalb die Initiative ergriffen. Prof. Ade holte Herrn Minister Palmer und Herrn Oberbürgermeister Eichert dazu.

Gemeinsam haben wir die Idee der Akademie mit Leben gefüllt und besprochen, wie wir Ludwigsburg zum Standort von Projekten der neuen Akademie machen können.

Rasch entstand der Vorschlag einer deutsch-französischen Masterclass für Produktion, Entwicklung und Animation. Michael Naumann, der damalige Staatsminister für Kultur und Medien, mit dem ich über unsere Idee sprach, zeigte sich begeistert und sagte spontan seine Unterstützung zu. Da ich mit Kurt Beck auch den Koordinator der deutsch-französischen Beziehungen für unser Anliegen gewinnen konnte, waren die Würfel rasch für den Standort Ludwigsburg gefallen.

Mit der Ansiedlung der deutsch-französischen Masterclass wird nicht nur die Entwicklung des Medienstandortes Ludwigsburg weiter gefördert.

Die Akademie und das Projekt Masterclass leisten vor allem einen Beitrag auf dem Weg zu einer eigenständigen, international konkurrenzfähigen europäischen Filmkultur.

Der Bund hat deshalb zugesagt, die Masterclass mit 2,1 Mio DM zu unterstützen, obwohl Kulturförderung originäre Aufgabe der Länder ist.

Meine Vision ist die Stärkung des europäischen Filmes, auch als kulturelles und ökonomisches Gegengewicht zur starken amerikanischen Position. Deutschland und Frankreich als Motoren der europäischen Einigung haben hier eine Vorreiterrolle.

Ich bin überzeugt, dass wir auch in Europa wieder mehr erfolgreiche Filme machen können. Denken Sie aktuell beispielsweise an "Die fabelhafte Welt der Amelie", ein Film der derzeit in den Kinos läuft und Millionen Zuschauer bezaubert.

Der Regisseur Jean-Pierre Jeunet, wurde kürzlich gefragt, ob er "Die fabelhafte Welt der Amelie" auch in Hollywood hätte drehen können.

Seine Antwort: Auf keinen Fall. Bei Filmen, die einem wirklich etwas bedeuten, sollte man die Zusammenarbeit mit Hollywood vermeiden. Außerdem ist die Geschichte zu kompliziert, um sie einem großen Studio verkaufen zu können."

In Frankreich ist der Marktanteil einheimischer Kinofilme inzwischen auf 40 % gestiegen ( D 15 % ) .

Das zeigt das Potenzial, auch für Deutschland und Europa insgesamt.

Wir haben am Anfang auch die Filmmusik aus "Der Schuh des Manitu" gehört, der in den letzten Wochen Schlangen vor die Kinokassen brachte. Eine skurrile Geschichte, deren Erfolg m. E. darauf basiert, dass sie mehr ist, als intelligente Persiflage.

Wer die Zitate und Anspielungen verstehen will, muss mit den Geschichten von Winnetou und Old Shatterhand groß geworden sein - und mit den anderen Filmen und Fernsehserien, die diese Zeit prägten.

Michael Herbig hat, sich als Nostalgiker bezeichnend, in diesem Zusammenhang von der Sehnsucht nach den Zeiten gesprochen,"in denen die Kinder frisch gebadet im Frotteemantel mit Mama und Papa vor dem Fernseher saßen und'Einer wird gewinnen'sahen."

Der Film funktioniert, ebenso wie Amelie, weil er an Vertrautes anknüpft - aber auch weil er darüber hinaus geht. Weil beide Filme ihren ganz eigenen Stil haben.

Ihren eigenen Stil entwickeln und filmisch umsetzen soll auch die neue Masterclass in Ludwigsburg.

Hier sollen die deutschen und französischen Studenten, die ja alle keine Anfänger in ihrem Fach mehr sind, besonders in den Fächern Stoffentwicklung, Dramaturgie, Medienrecht, neue Medien und Marketing weitergebildet werden, und dies nicht nur theoretisch und intellektuell, sondern auch ganz praktisch "on the job".

Pro Jahr sollen die Studenten der Masterclass mindestens zwei Filme herstellen.

Gerade angesichts der Neuartigkeit dieses Ausbildungsgangs, bin ich auf die Ergebnisse schon jetzt sehr gespannt.

In der Ausbildung werden die Bereiche Medien und Marketing besonderes Gewicht haben. Ich halte das für richtig. Denn Filme sind nicht nur Kulturgut, sondern auch Wirtschaftsgut.

Und die Zeiten, in denen ein Film in Deutschland dann als besonders gut galt, wenn ihn außer den Kritikern keiner sehen wollte, sind vorbei.

Anrede,

als wir vor gut zwei Jahren das Konzept für die Masterclass entwickelten, hatten wir das Ziel, Ludwigsburg zum Mittelpunkt eines Netzwerks junger Filmschaffender in ganz Europa zu machen.

In der Masterclass werden sich in den kommenden Jahren Studentinnen und Studenten aus ganz unterschiedlichen europäischen Regionen begegnen, mit eigenen Erfahrungen und kulturellen Traditionen.

Sie alle werden hier miteinander und voneinander lernen, so dass ihre gemeinsame Ausbildung tatsächlich zum Kristallisationspunkt eines Netzwerks für den europäischen Film werden kann.

Ausdrücklich danken möchte ich Herrn Professor Ade, dem Vorgänger von Herrn Dr. Hofer, der das Konzept der Masterclass massgeblich entwickelt hat und als Gründungsmitglied der Deutsch-Französischen Filmakademie zu den Architekten der deutsch-französischen Filmkooperation gehört.

Mit der Ansiedlung der Masterclass an der Filmakademie Ludwigsburg erhält Baden-Württemberg mit Hilfe des Bundes ein weiteres Asset.

Ich würde mich freuen, wenn die damit verbundenen Chancen so genutzt werden, dass nach Ablauf des Pilotprojektes, die Masterclass als dauerhafter Ausbildungsgang an dieser Akademie installiert wird.

Der Masterclass der deutsch-französischen Filmakademie wünsche ich einen guten Start und Ihnen und uns allen, dass Sie uns Geschichten erzählen werden. Geschichten, die uns berühren, uns an- oder aufregen, fesseln, entführen, die uns zum Lachen oder zum Weinen bringen.

Denn: s « sQuand on aime la vie, on va au cinema.