Redner(in): Gerhard Schröder
Datum: 14.02.2002

Untertitel: "Argentinien und Deutschland - das denken wir heute auch mehr und mehr als eine Partnerschaft in und mit unseren regionalen Zusammenschlüssen: Lateinamerika und Europa, zwei große Kultur- und Wirtschaftsregionen, die miteinander viel erreichen können."...
Anrede: Herr Präsident, Exzellenzen, sehr geehrte Damen und Herren,
Quelle (evtl. nicht mehr verfügbar): http://archiv.bundesregierung.de/bpaexport/rede/30/69630/multi.htm


ich danke Ihnen ganz herzlich für den überaus freundlichen Empfang, den Sie mir und meiner Delegation bereitet haben.

Wir sind zu Gast in einem Land, das seit Generationen auf viele Deutsche eine besondere Faszination ausübt und sich in Deutschland großer Wertschätzung erfreut.

Und damit meine ich nicht die unbestrittene Tatsache, dass Argentinien von manchen Deutschen zunächst mit Tango oder Fußball in Verbindung gebracht wird.

Auf Ihre Künste in beiden Disziplinen sind Sie völlig zu Recht stolz.

Aber mehr noch verbindet unsere beiden Kulturen die Erfahrung von Großherzigkeit und Gastfreundschaft, die Deutsche seit Generationen in Ihrem Land gefunden haben und immer noch finden.

Menschen deutscher Muttersprache bilden die drittgrößte Gruppe unter den Einwanderern in Argentinien. Viele von ihnen kamen als politisch Verfolgte. Argentinien bot ihnen Zuflucht und Zukunft.

Unsere beiden Länder haben, zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichem Ausmaß, Diktatur und Missachtung der Menschenrechte erlebt.

Um so bedeutender ist es, dass unsere beiden Völker eine so unmissverständliche Entscheidung getroffen haben: für Freiheit, Demokratie und internationale Verständigung.

Dieses 21. Jahrhundert hat für die Kulturen und Zivilisationen der Welt mit einem schrecklichen Fanal begonnen. Aber aus den Trümmern des World Trade Center an "Ground Zero" ist ein neues internationales Bewusstsein entstanden.

Eine neue Verantwortung für die internationale Zusammenarbeit. Und in dieser Verantwortung rücken auch unsere beiden Länder näher zusammen.

Innere und äußere Sicherheit sind heute nicht mehr voneinander zu trennen. Und kein Staat der Welt kann mehr die Sicherheit seiner Bürger gewährleisten ohne ein zunehmendes Maß an internationaler Kooperation.

Globale Probleme erfordern globale Lösungsansätze und verstärkte multilaterale Zusammenarbeit - das ist eine Erkenntnis, die wir aus der Bedrohung durch den internationalen Terrorismus gezogen haben.

Dabei hat für Deutschland und die Mitgliedstaaten der Europäischen Union die strategische Partnerschaft mit Lateinamerika eine besondere Bedeutung.

Diese Kooperation ist mir seit Beginn meiner Regierungsverantwortung ein wichtiges Anliegen.

Während der deutschen Präsidentschaft in der Europäischen Union haben wir den ersten Europa-Lateinamerika-Gipfel durchführen können.

Dabei kam auch zum Ausdruck, welch herausgehobene Bedeutung, aus europäischer Sicht, der Mercosur für die internationale Zusammenarbeit hat.

Erstmals in ihrer Geschichte strebt die Europäische Union eine Assoziation mit einer anderen Regionalorganisation an. Als wichtigster Wirtschaftspartner des Mercosur sind wir entschlossen, die Verhandlungen schnell zum Erfolg zu führen.

Dabei setzen wir auf das Konzept eines "offenen Regionalismus". Eine Offenheit, die nach Jahrhunderten kolonialer Herrschaftsbeziehungen das Gemeinsame vor das Trennende setzt - und dabei den Dialog unserer Völker und Kulturen in einen neuen, internationalen Zusammenhang stellt.

Argentinien und Deutschland - das denken wir heute auch mehr und mehr als eine Partnerschaft in und mit unseren regionalen Zusammenschlüssen: Lateinamerika und Europa, zwei große Kultur- und Wirtschaftsregionen, die miteinander viel erreichen können.

Herr Präsident,

wir wissen, dass Ihr Land vor einer der größten Herausforderungen seiner Geschichte steht.

Die äußerst schwierige Wirtschaftslage zwingt Sie zu entschiedenen und zu einschneidenden Maßnahmen.

Ich bin zuversichtlich, dass das argentinische Volk durch eigene Anstrengungen und mit Unterstützung der internationalen Gemeinschaft einen Ausweg aus dieser Krise finden wird.

Gerade Deutschland ist an einem Ausbau der beiderseitigen Wirtschaftsbeziehungen interessiert.

Die Tradition deutsch-argentinischer Wirtschaftsbeziehungen, aber auch das Engagement deutscher Unternehmen in Argentinien, reichen zurück bis zu den Anfängen der Industrialisierung.

Meine Wirtschaftsdelegation und das morgige Unternehmerforum sollen das bleibende wirtschaftliche Interesse an einer Zusammenarbeit mit Ihrem Land unterstreichen.

Wir sollten jedoch trotz der überragenden Bedeutung von Wirtschaft und Währung nicht vergessen: Unsere Beziehungen sind weit vielfältiger als das, was unsere Märkte zusammenbringt.

Denken Sie etwa an die wissenschaftlich-technologische Zusammenarbeit. Insbesondere bei der Antarktisforschung setzen wir gemeinsam wichtige Akzente für die Zukunft des gesamten Planeten.

Aber ich möchte noch etwas sagen zu den Beziehungen der Menschen, und damit meine ich vor allen Dingen: unserer Menschen, zueinander.

Von allen lateinamerikanischen Ländern ist es Argentinien, aus dem die meisten Stipendiaten deutscher Stiftungen stammen.

Diese jungen Menschen halten die Tradition des großen Jorge Luis Borges aufrecht, der als ein "Mann der Weltkultur" eine unvergessliche Ode auf die deutsche Sprache geschrieben hat.

Meine Damen und Herren,

durch meinen Besuch will ich verdeutlichen, dass Argentinien auch in schwierigen Zeiten auf Deutschland als verlässlichen Partner zählen kann. Das war so, und das wird so bleiben.

Ich bitte Sie, in diesem Sinne mit mir das Glas auf die Zukunft Argentiniens und Deutschlands zu erheben.