Redner(in): Gerhard Schröder
Datum: 23.07.2002

Untertitel: Schröder: "Wir wollen alle Bauherren, die öffentlichen und die privaten, dafür gewinnen, mit ihren Architekten Gebäude zu bauen, die den Menschen dienen und ihr Leben besser machen. Denn mehr Baukultur heißt auch mehr Lebensqualität".
Anrede: Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrter Herr Senator, meine sehr verehrten Damen und Herren!
Quelle (evtl. nicht mehr verfügbar): http://archiv.bundesregierung.de/bpaexport/rede/65/88865/multi.htm


Ich freue mich, dass ich hier sein kann, und zwar nicht nur, weil ich Nutzer eines schönen neuen Gebäudes bin, sondern weil ich Ihnen ein Kompliment machen möchte. Sie haben nämlich erheblich dazu beigetragen - jedenfalls viele von Ihnen - , dass Berlin, ganz wie es der Senator gesagt hat, ein neues und ein sehr, sehr anziehendes Gesicht bekommt. Das wäre ohne Ihre Arbeit, ohne Ihre Fantasie, ohne Ihre Sensibilität, ohne Ihr Können nicht möglich.

Das Motto des Kongresses - Ressource Architektur - passt nun wirklich zu dieser Stadt. Sie können hier sehen, welche wichtige Rolle die Architektur beim Zusammenwachsen der beiden, immerhin über 40 Jahre lang geteilten und getrennten Landesteile hier in Berlin spielt. Architektur und Politik - Herr Präsident, da haben Sie Recht - sind einander nahe und müssen das wohl auch sein - hier in Berlin allemal, aber auch im übrigen Land. Denn beides - sowohl Politik als auch Architektur - hat mit der Gestaltung von Leben und vor allen Dingen von Lebensräumen für selbst-verantwortetes Leben zu tun. Architektur ist Ausdruck, aber eben auch Gegenstand von Politik.

Gelegentlich - das konnte man im Vorfeld dieses Kongresses und der Ausstellung feststellen und lesen - geraten Architektur und Architekten auch ins Zentrum politischer Kontroversen. Versuche, Architektur für politische Ziele zu vereinnahmen, sie sich gleichsam dienstbar zu machen, sind nun wirklich nichts Neues. Es wäre sicher vermessen zu glauben, dass Architektur komplexe Probleme wie zum Beispiel den Nahost-Konflikt lösen könnte. Aber sich aus den gesellschaftlichen und politischen Konflikten heraushalten, können und sollen Architektur und Architekten nun wirklich nicht. Denn genau genommen geht es bei Architektur und Politik um dieselbe Aufgabe, nämlich das Leben der Menschen nicht zu verplanen, sondern ihnen Bedingungen zu verschaffen, damit sie ihre eigenen, ganz unverkennbaren und individuellen Lebensentwürfe, also ihre Pläne und Hoffnungen selbstbestimmt verwirklichen können. Dazu haben sowohl wir als auch Sie Beiträge zu leisten.

Natürlich ist es so, dass sich im historischen Bewusstsein Architektur vornehmlich durch Herrschaftsbauten erhalten hat. Das eine oder andere, das hier in Berlin gebaut worden ist und gebaut wird, könnte eine ähnliche Rolle spielen. Vieles von dem, was Architektur jenseits der Machtzentren bewirkt hat, übrigens im Guten wie im Schlechten, ist lange Zeit nur von Fachkreisen und von Eliten wahrgenommen worden. Ganz im Sinne jenes berühmten Satzes: Cézanne malte die Häuser der Armen, aber seine Bilder landeten nur in den Häusern der Reichen.

Das hat sich, so denke ich, in der Demokratie geändert. Und wir freuen uns darüber. In welchen Häusern, in welchen Städten und Siedlungen die Menschen leben, ist heute ganz selbstverständlicher Gegenstand demokratischer Diskussion und demokratischer Entscheidung. Die Architekten haben diese Herausforderung gerne und gut angenommen, auch wenn es sicher manchmal umständlicher ist, das souveräne Volk und dessen Repräsentanten zum Bauherrn im öffentlichen Raum zu haben als einen Monarchen oder einen Feudalherrn.

Denn auch der demokratische Staat - und ich denke, das wird Gegenstand dieses Kongresses sein - braucht Bauten, mit denen die Bürger sich und ihr Gemeinwesen identifizieren können. Die Neubauten des Bundes in Berlin wollen moderne Ästhetik mit traditionellen Stadtstrukturen verbinden. Ob und wie gut das gelungen ist, werden Sie bei Ihrem Aufenthalt in der Stadt selbst am besten und am kenntnisreichsten bewerten können.

Wir sind hier den Weg gegangen, internationale Wettbewerbe auszuschreiben, Architektur-Experten und Politiker in kundigen Jurys entscheiden zu lassen. Es sind übrigens Architekten aus aller Welt, und viele von ihnen sind hier und haben die Chance genutzt, an diesen Wettbewerben teilzunehmen und in Berlin zu bauen. Dabei hat sich nicht nur für uns, sondern für alle Beteiligten herausgestellt, dass längst nicht mehr ein einziger moderner Stil den Maßstab für gelungene Architektur abgibt.

Das ist übrigens auch ein Beweis dafür, dass Globalisierung keineswegs kulturelle Uniformität bedeuten muss und bedeutet. In den öffentlichen Bauten soll sich die Baukultur einer Region, eines Landes ausdrücken. Das gilt hier in Berlin übrigens auch für die Botschaftsgebäude, die in den letzten Jahren in dieser Stadt neu errichtet, wiederhergestellt oder ausgebaut worden sind. Wenn Sie sich hier in der Stadt umschauen, werden Sie viele eigenwillige und prägnante Architekturen finden, in denen sich die kulturelle Vielfalt der hier repräsentierten Nationen widerspiegelt.

Zum Bild Berlins gehören in besonderer Weise die neuen Bauten für Parlament und Regierung im Spreebogen und am Potsdamer Platz. Es ist wahr: Sie zeugen von politischer, auch von wirtschaftlicher Kraft. Das wollen und sollen wir auch gar nicht verschweigen. Es würde uns auch nicht gelingen. Aber sie zeugen vor allem - und darauf sind wir stolz - vom Können und von der Fantasie vieler international bekannter Architekten. Noch etwas: Sie sollen Identität stärken, und sie sollen helfen, das Zusammengehörigkeitsgefühl in unserem Land zu entwickeln.

Ich sagte: Architektur bestimmt das Leben der Menschen mindestens ebenso sehr wie die Politik. Deshalb wollen wir das Bewusstsein der Öffentlichkeit für die Bedeutung der gebauten Umwelt, also der Architektur, stärken. Wir wollen alle Bauherren, die öffentlichen und die privaten, dafür gewinnen, mit ihren Architekten Gebäude zu bauen, die den Menschen und nicht nur ihnen dienen und die deren Leben besser machen. Denn mehr Baukultur heißt jedenfalls nach unserer Bewertung auch mehr Lebensqualität.

Architektur entstand ganz wesentlich mit der Entwicklung der Städte. Im Dialog der Zivilisation spielt die Stadt eine ganz entscheidende Rolle. In den Städten entscheidet sich, wie wir miteinander leben werden, ob uns ein friedliches, ein demokratisches Miteinander der Menschen in Freiheit, Gleichheit und in Solidarität gelingt. In den Städten entscheidet sich mehr als anderswo, wie wir mit Menschen anderer Hautfarbe, anderer Herkunft, anderer Religion umgehen, ob wir Minderheiten benachteiligen oder sie als Vielfalt und deshalb als Reichtum empfinden.

Viele von Ihnen waren vor zwei Jahren dabei, als an dieser Stelle im ICC in Berlin unter Teilnahme von Kofi Annan die Weltkonferenz "URBAN 21" eröffnet wurde. Diese Konferenz hat deutlich gemacht, dass es weder Patentlösungen für die Bewältigung der Probleme ungeplant explodierender Städte in Asien, Südamerika oder auch in Afrika gibt noch für die dynamischen Wachstumsstädte in Südostasien oder China oder für die alten Städte Europas mit abnehmender, in jedem Fall alternder Bevölkerung. Bald lebt die Mehrheit der Weltbevölkerung in Städten, und wir werden erleben, dass sich immer mehr Megacitys bilden, und zwar auch und gerade in Ländern mit geringer Wirtschaftskraft.

Von der Entwicklung dieser Städte wird viel für die Zukunft der Menschheit abhängen. Das "Jahrtausend der Städte", wie Kofi Annan es nannte, wird gewiss viele unterschiedliche Stadtgemeinden hervorbringen. Aufgabe der Politik auf globaler, aber nicht nur auf globaler, sondern auch auf lokaler Ebene wird es sein, die Voraussetzungen für eine soziale Integration zu schaffen. Ohne soziale Integration wird keine Stadt auf der Welt auf Dauer eine lebenswerte Umwelt bieten können.

Ein Problem haben alle Städte gemeinsam: Die Bedrohung der Umwelt durch Raubbau an den Ressourcen, vor allem der fossilen Energie und des Wassers, sowie die erkennbare Gefährdung der Welt durch Klimawechsel und globale Erwärmung. Wir haben hier in Deutschland konkrete Maßnahmen zur Reduzierung des Verbrauchs von fossilen Energien ergriffen, und wir haben zu 75 Prozent innerhalb der Europäischen Union dazu beigetragen, dass gewisse, uns längst nicht reichende Klima-schutzziele erreicht werden konnten.

Wir fördern die solare Energie in großem Maßstab, und wir fördern Windenergie. Unsere ökologische Steuerreform gibt Anreize zum Energiesparen. Wir haben Anstrengungen unternommen, damit auch der Energieverbrauch von Gebäuden drastisch reduziert wird und private Bauherren es sich im wahrsten Sinne des Wortes leisten können, entsprechende Aufträge an Architekten und Handwerker zu vergeben.

Landschafts- und Städteplaner sowie Architekten - das ist allemal gewiss - können wichtige Beiträge zur Schonung der Ressourcen und damit zur nachhaltigen Entwicklung leisten. Ein neues Thema, das in diesem Zusammenhang leidenschaftlich und kontrovers diskutiert wird, ist der Flächenverbrauch - kein Wunder in einem so dicht besiedelten Land wie unserem. Unstreitig ist, dass wir dafür Sorge tragen müssen, dass Landschaft frei gehalten und umweltsparende Bauplanung überall selbstverständlich wird.

Wichtig ist mir, dass eine nachhaltige Entwicklung unserer Städte nicht nur eine Sache von Experten und Politikern ist. Aktiver Motor eines umfassenden öffentlichen Diskussionsprozesses ist bei uns in Deutschland seit geraumer Zeit das, was wir lokale Agenda 21 nennen. In mehr als 2.300 Städten, Landkreisen und Gemeinden entwickeln Bürgerinnen und Bürger selbst Ideen und Lösungen für eine lebenswerte Stadt. Die umweltverträgliche Lösung von Verkehrsproblemen, aber auch die Einbeziehung von Obdachlosen in eine soziale Stadt, sind wichtige Themen, die in diesen Zusammenschlüssen und Zusammenhängen behandelt werden.

Das hier von Bürgerinnen und Bürgern gezeigte enorme Engagement, gibt nicht nur mir, sondern sollte uns allen Hoffnung geben. Von der lokalen Agenda spannt sich dann ein sinnvoller Bogen zum Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung, der Ende August in Johannesburg stattfindet. Dort wird nach Wegen gesucht werden, weltweit die Menschen in den großen Städten beispielsweise mit sauberem Trinkwasser zu versorgen. Für den Zugang zur Abwasserentsorgung soll ein festes Ziel mit einem entsprechenden Maßnahmenprogramm beschlossen werden. Es geht dabei um nicht weniger als die Grundbedürfnisse der Menschen im 21. Jahrhundert.

Deswegen auch von hier aus und an dieser Stelle der dringende Appell an die Länder und Staaten, die noch abseits stehen, sich in die Verantwortung für einen welt-weiten Klimaschutz und für weltweit ökologisch vernünftiges Handeln einzureihen. Das darf nicht von der Größe und der Macht eines einzelnen Landes abhängen, sondern das ist Aufgabe der zivilisierten Welt und der Staatengemeinschaft insgesamt.

Während in Europa und Nordamerika die Bevölkerungszahlen in den meisten Städten stagnieren, wird für die Städte in Asien und Afrika ein besonders dynamisches Wachstum vorausgesagt. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen werden im Jahr 2050 zwei Drittel der Bevölkerung in Städten leben. Ich denke, kaum jemand kann sich genau vorstellen, zu welchen Siedlungsstrukturen und Lebensformen dieser Prozess führen wird. Ein Prozess in dieser Dynamik ist ohne jedes historische Vorbild.

Überwiegend werden es die Armen sein, die in die Städte strömen, und zwar schlicht deshalb, weil sie auf dem Land keine Überlebensmöglichkeiten mehr finden. Das traditionelle Gleichgewicht von Stadt, Landschaft und Natur wird dann nicht mehr, jedenfalls nicht mehr so, existieren.

Die städtischen Ökonomien bieten aber nur für einen Bruchteil der Zuwanderer hinreichende Verdienstmöglichkeiten, und die städtischen Infrastrukturen könnten leicht überlastet sein. Wir können auch nicht die bekannten Organisationsmodelle und Stadttechniken einfach auf diese Situation übertragen. Dafür sind weder die kulturellen Voraussetzungen noch die finanziellen Mittel oder die Wasser- und Rohstoffressourcen vorhanden. Das bedeutet, dass auf Menschen wie Sie, die gelernt haben, mit diesem Problem umzugehen, und die Kreativität und Fantasie entwickeln und entwickeln können, viel Verantwortung zukommt, denen, die die Rahmenentscheidungen zu treffen haben, hilfreich zu sein.

Wir alle wissen, dass die Unterwerfung der Stadtentwicklung und -planung unter das Diktat der Ökonomie nicht zwangsläufig zu einem menschen- und umweltgerechten Leben in den Städten führt. Markt und Wettbewerb - daran gibt es keinen Zweifel - sind ökonomisch unverzichtbar, aber die Ergebnisse tragen den Bedürfnissen aller Bevölkerungsteile längst nicht immer hinreichend Rechnung. Deshalb muss Politik Grenzen setzen und Vorgaben machen, damit die Stadt und ihre Bauten für alle Menschen lebenswert sind und auch allen möglichst viel an Sicherheit und Wohlstand geben.

Hier liegt der Grund, warum Architektinnen und Architekten, Politikerinnen und Politiker aufeinander angewiesen sind, nämlich weil wir einen ähnlichen - wenn auch nicht gleichen - Gestaltungsauftrag haben. Wir sind - nicht nur bei der Bewältigung der Stadt- und Umweltprobleme - zur globalen Kooperation geradezu gezwungen, und auch deshalb sind wir froh, dass dieser Kongress in Deutschland stattfindet, im Übrigen eine Kooperation, die vom wechselseitigen Lernen geprägt sein muss.

Darüber, wie man mit geringem Energie- und Ressourcenverbrauch auch in großen Städten leben kann, können wir beispielsweise von den Entwicklungsländern eine Menge lernen. Andererseits können die Erfahrungen, die wir mit Stadttechnik und Städtebau gemacht haben, dabei helfen, Probleme der neuen Megacitys zu identifizieren und effizient zu lösen.

Ich glaube, von ganz besonderer Bedeutung in diesem Prozess ist das Bildungswesen. Wissen ist die wichtigste Voraussetzung für die humane Organisation für welt-weite Verstädterung. Nur Wissen befähigt auch zur Selbstorganisation und dazu, im globalen Wettbewerb zu bestehen. Eine politische Gestaltung der Globalisierung muss deshalb für eine Verstetigung von Bildungs- und Entwicklungschancen sorgen, und sie muss auf diese Weise ein vernünftiges Niveau der Arbeitsbedingungen für die Menschen sichern.

In den Frühphasen der Industrialisierung wurde Stadtentwicklung vor allem als eine technische Aufgabe begriffen. Die ersten Stadtplaner waren in der Regel Bauingenieure, und es gibt gar keinen Zweifel daran, dass dabei großartige Leistungen vollbracht worden sind. Ich denke aber, dass die heutigen Aufgaben komplexer geworden sind. In den Industriestädten muss ein ökonomischer Wandel bewältigt werden. Dazu reicht es eben nicht mehr aus, die Infrastruktur auszubauen und das Wohnungsangebot zu verbessern. Es geht auch darum, den Wandel zur Dienstleistungsökonomie angemessen zu reflektieren und darauf Antworten zu finden. Die Lebensqualität der Städte, ihre Attraktivität insgesamt, wird ein immer wichtigerer Faktor für ihre Entwicklung.

Dazu gehört natürlich auch das Stadtbild, für das Sie als Architektinnen und Architekten, als Stadtplaner, Verantwortung tragen. Langfristig dürften diejenigen Städte die besseren Entwicklungschancen haben, die ein unverkennbares eigenes Profil und auch eine eigene Baukultur - gewiss mit Respekt vor den regionalen und lokalen Traditionen - entwickeln. In Deutschland gibt es einige gute Beispiele für eine gelungene Verbindung von Globalität und Lokalität oder auch von Tradition und Moderne.

Ich bin sicher, dass von diesem 21. Weltkongress der Architekten in Berlin Signale für eine menschen- und umweltfreundliche Architektur ausgehen werden. Das ist der Grund, warum ich Ihrem Kongress einen großen Erfolg und Ihnen - ungeachtet aller Arbeit, die auf Sie zukommen und an der Sie teilnehmen werden - hier in Berlin ein paar Tage wünsche, die Ihnen neue Eindrücke vermitteln und Ihnen einfach auch Freude machen werden.

In diesem Sinne: Viel Erfolg für Ihren Kongress!