Redner(in): Hans Martin Bury
Datum: 02.09.2002

Untertitel: Hans Martin Bury: "Hunderte Menschen, professionelle Fotografen genauso wie Laien haben ihre Fotografien zu den Ereignissen des 11. September zur Verfügung gestellt. Die Bilder weltbekannter Fotografen hängen neben den Fotos von Feuerwehrleuten, Polizisten, Geschäftsleuten oder Passanten."
Anrede: Anrede,
Quelle (evtl. nicht mehr verfügbar): http://archiv.bundesregierung.de/bpaexport/rede/06/436106/multi.htm


Sehr geehrter Herr Beck, sehr geehrter Herr Dr. Hübinger, sehr geehrter Herr Myers, sehr geehrter Herr Kleinert, sehr geehrte Damen und Herren,

kurz nach den Anschlägen auf das World Trade Center erschien im Magazin der Süddeutschen Zeitung ein ungewöhnlicher Beitrag: Gezeigt wurden die Gesichter von Menschen, die am 11. September 2001 in Bahnhöfen oder Flughäfen via Bildschirm Zeugen der Katastrophe wurden.

Gesichter voller Fassungslosigkeit, Trauer, Entsetzen. Gesichter, die jedem Betrachter schnell klar werden lassen, dass hier etwas Unfassbares, Schreckliches passiert sein muß.

Was sich damals in den Gesichtern der Menschen widerspiegelte, zeigt die Ausstellung "Here is New York".

Hier werden der Augenblick des Anschlags und die Stunden danach mit den Augen der Menschen gesehen, die unmittelbar am Ort des Geschehens waren.

Hunderte Menschen, professionelle Fotografen genauso wie Laien haben ihre Fotografien zu den Ereignissen des 11. September zur Verfügung gestellt. Die Bilder weltbekannter Fotografen hängen neben den Fotos von Feuerwehrleuten, Polizisten, Geschäftsleuten oder Passanten.

Gilles Peress, einer der Initiatoren der Ausstellung, hat das Konzept beschrieben: "Wir nehmen die Bilder von jedermann. Ohne Rücksicht auf die Kastensysteme von Medien und Kunst."

Entstanden ist eine "democracy of photographs", wie es der Untertitel der Ausstellung treffend ausdrückt. Wer welches Bild gemacht hat, ist nicht erkennbar. Sie sind nur numeriert. Es gibt keine Hierarchie. Alle Bilder sind gleich wichtig.

Sie sind gleich wichtig, weil die Gedanken und Gefühle, die die Menschen im Augenblick des Fotografierens bewegten, gleich wichtig sind.

Jedes Motiv, jeder Blickwinkel steht für eine ganz persönliche Empfindung.

Wir sehen eine apokalyptische Landschaft von Trümmern und Staub, Feuer und Rauch, Toten und Verletzten. Rußgeschwärzte Gesichter von Helfern, Feuerwehrleuten, und die übriggebliebenen Stahlgerippe der Türme.

Aber die Bilder zeigen mehr. Sie erzählen von der Trauer und der Verzweiflung der Menschen, von Müdigkeit und Erschöpfung, aber auch vom Durchhaltewillen und der festen Entschlossenheit, nicht aufzugeben.

Denken Sie an das Bild mit den drei Feuerwehrleuten, die mitten in all dem Chaos, die Fahne der Vereinigten Staaten hissen.

Here is New York - das klingt fast wie ein S. O. S: Wie ein Hilferuf, angesichts tausender Toter und Verletzter, angesichts des völlig zerstörten World Trade Center und der umliegenden Gebäude.

Aber es klingt zugleich wie das trotzig- selbstbewusste Credo einer Stadt, die der Welt zuruft: Es gibt uns noch. Wir lassen uns nicht unterkriegen. Here is New York."

Bis zu jenem 11. September haben die USA in dem Bewusstsein gelebt, dass ihre Freiheit unangreifbar sei. Diese Sicherheit ist mit dem Terroranschlag auf das World Trade Center verloren gegangen.

Wir alle haben erkennen müssen, wie verwundbar unsere zivilen Bürgergesellschaften gegenüber fundamentalistischer Gewalt sind.

Denn die Anschläge von New York waren nicht allein Angriffe auf die Vereinigten Staaten von Amerika. Sie waren ein Angriff auf Freiheit, Demokratie und Toleranz, und alle Menschen, die sich diesen Werten verpflichtet fühlen. Die Mitgliedsstaaten der NATO haben nach den Anschlägen erstmals in der Geschichte der NATO den "Bündnisfall" festgestellt. Sie haben damit erklärt: Der Angriff auf die USA war auch ein Angriff auf alle Mitglieder.

Das ist ein klares Signal an die Terroristen. Unsere westlichen Demokratien sind offen und tolerant. Aber niemand sollte die Liberalität unserer Gesellschaften mit Schwäche verwechseln. Wir haben es nicht hingenommen, dass Terroristen unsere Freiheit bedrohen. Und wir werden es nicht hinnehmen. Deutschland hat sich von Anfang an an der Verteidigung von Freiheit und Demokratie beteiligt.

An der Seite der USA haben wir gemeinsam mit anderen Nato-Partnern in Afghanistan dazu beigetragen, die Wurzeln des terroristischen Al-Quaida-Netzwerkes zu zerschlagen. Und wir helfen jetzt, wo es darum geht, das von den Taliban ausgeplünderte, geschundene Land wieder aufzubauen.

Deutschland nimmt seine internationale Verantwortung bei der Bekämpfung des internationalen Terrorismus wahr. Militärisch und politisch.

Diese Verantwortung schließt ein, mögliche Interventionen darauf hin zu überprüfen, ob sie wirklich diesem Ziel dienen oder ob damit der wichtige Zusammenhalt der Staaten gar gefährdet und eine weitere Eskalation provoziert würde.

noch etwas haben die schrecklichen Ereignisse des 11. September deutlich werden lassen: Individualität und Individualisierung mögen Kennzeichen unserer modernen demokratischen Gesellschaften sein. Aber in der Not stehen die Menschen zusammen.

Die politischen Propheten der Ellenbogengesellschaft haben sich geirrt. Der alte Wert der Solidarität ist auch und gerade in den modernen westlichen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts hoch aktuell. Wir erleben das ja gerade auch bei uns in Deutschland. Nicht nur eine Flutwelle, eine ungeheure Welle der Hilfsbereitschaft geht durch unser Land.

Viele Menschen sind spontan in die von der Flut betroffenen Gebiete gefahren und haben mit angepackt. Haben Sandsäcke geschleppt, Deiche repariert, helfen mit bei der Beseitigung der immensen Schäden. Dieser Gemeinsinn ist es, der die Stärke unserer Gesellschaft ausmacht.

Bruce Logan, Arzt in einem kleinen Krankenhaus in der Nähe der Twin-Towers, der damals mitgeholfen hat, Verletzte zu versorgen, hat es kürzlich in einem Interview so formuliert: "Dieser Tag hat das Schlimmste und das Beste im Menschen zum Vorschein gebracht. Diese Welle von spontaner Hilfsbereitschaft - das war bei aller Tragik großartig. Von diesem Gefühl haben wir immer noch etwas in die Gegenwart hinübergerettet."

Anrede,"Der Spiegel" bezeichnete die Ausstellung unlängst als ein "Archiv des Unfassbaren". Das trifft den Kern. Wir werden nie ganz fassen können, was damals geschah.

Wir können nur versuchen, uns weiter anzunähern. Die Ausstellung ist dazu ein gelungener Beitrag. Denn "Here is New York" erreicht die Köpfe und die Herzen der Menschen. Sie hilft, das Unfaßbare begreifbarer zu machen. Sie hilft uns zu verstehen, was nie ganz durch den Verstand erfasst werden kann.

Ich danke den Initiatoren von "Democracy of Photographs", die dieses einzigartige Projekt realisiert haben. Der Bundeszentrale für politische Bildung danke ich, dass Sie diese Ausstellung nach Deutschland geholt hat und der Stadt Stuttgart für Ihre Bereitschaft, die Bilder hier im Rathaus öffentlich auszustellen.

Es ist fast genau ein Jahr her, dass die Terroristen zwei vollbesetzte Passagier Flugzeuge in das World Trade Center steuerten und tausende Menschen in den Tod rissen.

Here is New York ist die minutiöse Dokumentation dieser Katastrophe. So beklemmend-detailliert, dass man sich manchmal abwenden möchte. Aber die Ausstellung ist zugleich ein Zeugnis des Aufbruchs.

Bei aller Trauer und allem Entsetzen, die sie auslöst macht sie auch Mut. Denn Sie zeigt, dass Demokratie und Freiheit stärker sind als Fundamentalismus, Terror und Gewalt.