Redner(in): Christina Weiss
Datum: 01.12.2003

Untertitel: Zum Werkstattgespräch "Kunst - lernbar, lehrbar, vermittelbar?" hielt Kulturstaatsministerin Weiss die Einführungsrede.
Anrede: Anrede,
Quelle (evtl. nicht mehr verfügbar): http://archiv.bundesregierung.de/bpaexport/rede/48/571048/multi.htm


bei Schelling, dem Philosophen der Romantik und dem ersten Generalsekretär der Akademie der Bildenden Künste in München, finden wir den wunderbaren Satz, die Kunst sei ein tätiges Band zwischen der Seele und der Natur. Was Schelling, dessen Reden zur Philosophie der Kunst uns noch heute warme Anregungen für unser Denken und unser Verständnis von Kunst geben, für die Kunst selbst reklamierte, ließe sich bedenkenlos erweitern. Und zwar erweitern zu dem umfassenden Begriff der Kultur. Ohne Kultur und dem Begriff von Kultur wäre eine ganze Nation vergeblich bemüht, sich fortzuentwickeln.

Was aber ist das eigentlich, Kultur? Die Meinungen darüber gehen weit auseinander. Doch welche Begriffsbestimmung auch immer getroffen wird, wie weit das Feld ausgemessen wird - so herrscht doch zum Einen Einigkeit, dass Kultur gewissermaßen als humanes Agens von unerhörter Bedeutung ist. Und dies nicht nur in den klassischen Bereichen der Bildenden und Darstellenden Kunst, der Musik, des Theaters und der Literatur. Sondern in gleichem Maße auch in jenen Lebensbereichen, für die der Begriff Kultur fast schon in Vergessenheit geraten ist.

Man versteht dies, wenn man im Gespräch zu der Überzeugung gelangt, das Gegenüber sei ein kultivierter Mensch. Das meint eben nicht nur, dass er gebildet ist, dass er über vielfältige Kenntnis auf verschiedenen Gebieten verfügt. Es meint auch und gerade, dass dieser Mensch Umgangsformen beherrscht, wie sie eine kultiviertes, von gegenseitigem Respekt geprägtes Miteinander verlangt. Salopp gesagt: Dieser Mensch weiß sich zu benehmen.

Die Frage nun lautet: Wie kommt ein Mensch dort hin? Wie also wird er kultiviert? Und wie schafft er es, das zu tun, was Schelling über die Kunst sagte: ein tätiges Band zwischen der Seele und Natur zu knüpfen? Ich bin der festen Überzeugung, dass sich dies nur bewerkstelligen lässt, in dem zwei wesentliche Aspekte berücksichtigt werden. Der eine berührt den Sozialcharakter des Menschen. Seine Fähigkeit zur Kommunikation, zum Gedankenaustausch, zu einem sozialen Verständnis. Der Andere lässt sich mit einem klaren Begriff benennen: mit dem Begriff der Bildung.

Bildung ist das wohl wertvollste erzieherische Gut. Wer sich bildet, erkennt Zusammenhänge, weiß Dinge zuzuordnen, die in der Welt, aber auch in seiner nächsten Umgebung geschehen. Wer sich bildet, ist fähig, an einem fundierten Gespräch teilzunehmen. Und wer sich bildet, gelangt irgendwann vielleicht zu der Gewissheit, dass Wissen Macht bedeutet. Und nicht umgekehrt. Das nämlich Macht Wissen bedeutet. Ein Blick in die politische Geschichte verrät, welch katastrophale Auswirkungen die Anwendung der falschen Begriffskausalität haben kann.

Kommen wir nun zurück ins Heute, zur aktuellen Situation. Seit der Pisa-Studie steht unser Land im Blickpunkt der Kritik. Vielleicht zu Recht, vielleicht nicht, das zu beurteilen, überlasse ich gerne Anderen. Was aber seither an Diskussionen in Gang gesetzt wurde, lässt mich hoffen, dass Bildung ganz allgemein wieder mehr in den Mittelpunkt unseres Denkens rückt. Viel zu lange hat die Gesellschaft, haben Eltern, Lehrer, auch Politiker einer gesellschaftlichen Fehlentwicklung zugeschaut, ohne der enormen Reizüberflutung durch das Fernsehen, Video und anderer Medien etwas entgegenzusetzen. Sie haben sich vom immer schneller voranpreschenden technischen Fortschritt das Ruder aus der Hand nehmen lassen. Und es wurde dabei, so denke ich, die Magie gewisser Medien schlicht unterschätzt.

Dem gilt es einen nachgerade traditionellen Erziehungs- und Kulturbegriff entgegenzusetzen. Niemand verlangt nun, dass unsere Kinder und Jugendlichen wieder in den legendären septem artes liberales unterrichtet werden; allein aus historischen Gründen wäre ein Vergleich zu diesem Bildungssystem nicht ganz fair. Was aber wirklich bedeutsam scheint, ist die Hinwendung zu den klassischen Bildungsgütern. An erster Stelle natürlich dem Buch, es ist wohl nach wie vor die wichtigste, bildungsintensivste "Lehranstalt" gegen die Verkümmerung des Geistes. Ohne Zweifel hat die Erfindung des Internets hier eine schwere Hürde aufgestellt. Zehnjährige Kinder wissen heute schon weit mehr über das "Chatten" als über die Schriften von Heine oder Goethe. Viele dieser Kinder agieren in einer Parallelwelt. Die umgewandelte Kommunikation, bei der man nicht mehr von Angesicht zu Angesicht miteinander redet, sondern via Satellit, wenn ich das einmal so lakonisch ausdrücken darf, schafft ein Vakuum an Verständnis. Einer Ausweitung dieses Mediums sollten wir uns verwehren. Oder zumindest Gegenangebote formulieren.

Was nicht bedeuten soll, dass wir die Augen verschließen vor der Realität. Das 21. Jahrhundert ist das Jahrhundert der modernen Medien- und Informationsgesellschaft. Daran zu rütteln, wäre vermessen. Was aber meines Erachtens wichtig wäre, ist eine Art Sondierung und Filterung der Information. Es kann, um ein Beispiel zu nennen, nicht angehen, dass Kinder am Nachmittag im Fernsehen mit Bildern konfrontiert werden, die ihr Denken von der Welt negativ beeinflussen, die sie schlicht und ergreifend überfordern. Zumal dann, wenn, wie es heute häufig schon Usus ist, keine Familienstruktur als Puffer fungiert, fungieren kann. Hier sind alle, nicht nur die Lehrer und Erziehungsberechtigten, gefordert.

Mancher mag nun einwenden, das wäre naiv gedacht. Und mancher sogar unken, dass eine Bildungskontrolle nicht eben förderlich für die freie Entfaltung des Geistes und der Umgangsformen sei. Aber Kontrolle ist nicht gleich Kontrolle. Die Kontrolle, wie ich sie verstehe, sollte darin liegen, dass man den Heranwachsenden konkrete Bildungsangebote unterbreitet. Nicht als Zwang zur Bildung, sondern als Anreiz. Wie dies in der Praxis umgesetzt werden kann, zeigen etliche Projekte in verschiedenen gesellschaftlichen Feldern.

Nicht weil es von höherer Bedeutung sei, aber weil es in hohem Maße veranschaulicht, wie gut ein solches Angebot funktionieren kann, sei ein Beispiel aus dem Bereich der Musik genannt. Lassen mich dazu kurz die Vorgeschichte erzählen. Als vor gut fünf Jahren sich mehrere Bürger zusammen taten, um gemeinsam die Idee eines Jugendorchester-Festivals in Berlin auszuhecken, da wurden sie von Vielen belächelt, nicht nur bestaunt. Das wird nicht funktionieren, hieß es, und: Es gibt für ein Festival dieser Art kein Publikum. Die Initiatoren, die glücklicher Weise über gute Kontakte in die Privatwirtschaft verfügten, ließen sich dennoch nicht von ihrem einmal erdachten Plan abbringen. Und hoben ein Projekt aus der Taufe, welches nachgerade stilbildend gewirkt hat - das Jugendorchester-Festival "Young Euro Classics."

Ich selbst habe mich in der jüngeren Vergangenheit von dem erstaunlich hohen Niveau dieses Festivals überzeugen können. Doch ist dies nicht der wichtigste Punkt. Wichtiger ist die Tatsache, dass zu diesem wunderbaren Festival jugendliche Musiker aus ganz Europa anreisen und musizieren. Sie kommen aus Lettland, aus Ungarn, aus Tschechien und Italien, sie kommen aus Portugal und Schottland. Und natürlich auch aus Deutschland. Das Festival findet alljährlich im Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin statt, mitten in den Sommerferien. Und doch sind die meisten der Konzerte ausverkauft. Und das Schönste daran ist: Im Publikum überwiegt ganz entschieden der Anteil der jungen Menschen. Viele von ihnen besuchen erstmalig ein Konzert.

Das lässt mich an den Titel eines Buches denken, das vor mehr als dreißig Jahren erschien. Es trägt den Titel "Kultur für Alle". Geschrieben hat es Hilmar Hoffmann. Er tat es in dem guten und festen Glauben, damit etwas zu bewegen: für die Menschen, für die Kultur. Vor allem das Missverhältnis zwischen Theorie und Praxis, zwischen Sonntagsreden und Wochentagsaktivität untersuchte der - im übrigen hochgebildete - Autor und belegte sein Unbehagen an der kulturellen Realität mit etlichen Beispielen.

Lassen Sie mich an dieser Stelle einen Absatz aus dem Kapitel "Kunst und Gesellschaft" zitieren. Da heißt es; Zitat: "Kunst hat nicht nur eine ästhetische, Kunst hat vor allem auch eine gesellschaftliche Dimension. Ein Ziel von Kunstpolitik wird daher sein müssen, aus der Kenntnis der tradierten Beurteilungsmuster vor allem die historische Perspektive zu gewinnen. Erst durch die Vermittlung eines neuen Geschichtsbewusstseins wird Kunst in ihrer Zeit beurteilt werden können, und zwar an ihren Voraussetzungen, denen sie sozial, gesellschaftlich und an der Präfixierung durch den Geist der jeweils geltenden Philosophie oder anderen Dogmen unterworfen war." Zitat Ende.

Wenn wir nun den Begriff der Kunst durch den allgemeineren der Kultur und kulturellen Kommunikation ersetzen, dann kommen wir um die Aktualität der von Hoffmann getroffenen Aussagen kaum mehr umhin. Um bei dem Beispiel des Jugendorchester-Festivals zu bleiben, bedeutet das in concreto: Wenn junge Menschen eine Symphonie von, sagen wir, Dimitri Schostakowitsch hören, dann gewinnen sie zumindest einen Blick durch das Schlüsselloch der Musikgeschichte. Und vermutlich werden sie, nach dem sie eine solche Symphonie gehört haben, fragen: Wie kam es dazu? Wer eigentlich war Schostakowitsch? Wann hat er gelebt? Und in welchem gesellschaftlichen und politischen und psychosozialen Ambiente. Der Horizont ist im gleichen Augenblick geweitet. Der Dialog eröffnet.

Eben darum muss es gehen: Dass Kinder und Jugendliche Kultur als Lernziel in ein positives Licht stellen können. Dass sie Bildung und Kultur nicht als Zwang begreifen, sondern als reelle Chance für ihre Zukunft. Damit sie dies tun, tun können, bedarf es gleichsam der Anstrengung des Geistes derer, die ihn besitzen, aber nicht an diesem Besitz kleben. Und es bedarf ganz dringend einer Abkehr von solchen so genannten Bildungsmaßnahmen, wie sie so genannte Bildungs-Sendungen wie "Unsere Besten" zu sein suggerieren. Die Kategorie des Besten mag im Sport gelten - wiewohl sie auch dort problematisch ist und weit entfernt von der einstmals verfassten olympischen Idee. In der Kultur aber hat die Kategorie des Besten nun wirklich gar nichts verloren. Sie hilft nur dazu, Klischees zu verfestigen, ist somit bildungstechnisch kontraproduktiv. Sie dient nicht der Vermittlung von Kultur, sondern nur der Vermittlung von Schlagworten.

Bildung bedeutet etwas Anderes, es bedeutet ein Mehr an Erfahrung. Bildung, das bedeutet Begriffserweiterung. Bildung, das bedeutet zu wissen, dass es nicht Streicherquartett, sondern Streichquartett heißt. Bildung, das bedeutet, in Erfahrung zu bringen, wer Mozart und Beethoven, wer Schiller und Voltaire, wer van Gogh und Delacroix waren, um nur einige Beispiele zu nennen. Bildung bedeutet auch, sich mit den Schriften Rousseaus und Herders zu befassen, der großen, wenn auch in ihrer Systematik gänzlich unterschiedlichen Aufklärer. Bildung schließt, das wollen wir nicht vergessen, auch den kultivierten Umgang zwischen den Menschen ein, das Wissen um die Kultur des Benimms. Und Bildung sollte durchaus auch die Möglichkeit kreieren, sich einmal dem Begriff der Romantik anzunähern. Das kann, angesichts des weiten Feldes, das die Romantik bewohnt, ein langwieriges Unterfangen werden. Aber ganz gewiss kein langweiliges. Vielleicht dies ein weiterer wesentlicher Punkt: Kultur darf nicht langweilig sein. Sie darf auch Spaß machen. Und wer weiß, vielleicht entsteht dann eines Tages das, was Schelling so poetisch-philosophisch zu Papier warf - das Kultur ein tätiges Band zwischen der Seele und der Natur werde. Zu wünschen ist es jedenfalls.