Redner(in): Christina Weiss
Datum: 10.01.2005

Untertitel: In einem Vortrag in der Reihe "Zwischenbilanz Ost" der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität spricht Kulturstaatsministerin Christina Weiss darüber, "was die Kulturnation Deutschland wirklich im Innersten zusammenhält".
Anrede: Anrede,
Quelle (evtl. nicht mehr verfügbar): http://archiv.bundesregierung.de/bpaexport/rede/19/780619/multi.htm


als Günter Gaus 1974 sein Amt als Ständiger Vertreter der Bundesrepublik bei der DDR antrat, reiste er mit einer eigenwillig privaten Mission nach Ost-Berlin. Er wollte als innerdeutscher Diplomat die SED-Führung auch daran hindern, Goethe posthum als DDR-Bürger zu vereinnahmen und "Faust II" letztlich als genuines Stück der sozialistische Aufbaugesellschaft auszuschlachten. Wie man weiß, ist ihm das vortrefflich gelungen. In der Zeit deutscher Teilung hielt die Kultur die Gewissheit von der Einheit der Nation wach, sie war die Lebensader der Zusammengehörigkeit. Trotz des Eisernen Vorhangs addierten wir Martin Luther mit Wittenberg, Goethe und Schiller mit Weimar, Walter Gropius mit Dessau, Gottfried Semper mit Dresden. Für mich persönlich kam das Jahr des Mauerfalls fast einer Verheißung gleich, weil ich endlich ganz unstrapaziös an die Orte reisen konnte, die mir im geistigen Koordinatensystem fehlten. Unser intellektuelles und kulturelles Gedächtnis hatte sich vor fünfzehn Jahren komplettiert, inzwischen sind auch die Wege des europäischen Denkens wieder freigelegt, und dies ist ein Geschenk, das wir trotz allem Gerede über Sinn und Unsinn von Transferleistungen auch mal rühmen dürfen.

In meinem Vortrag geht es um den anderen Osten, also nicht um Ansprüche und Jammerei, nicht um Nostalgie und Zonensucht. Ich will eine Erfolgsgeschichte der deutschen Einheit erzählen, die leider von den meisten in unserem Lande als Fußnote behandelt wird. Ich möchte darüber sprechen, was die Kulturnation Deutschland wirklich im Innersten zusammenhält. Es geht um ihre Schatzkammern, die die Identität von Städten prägen und den Menschen Hoffnung und Kraft geben. Es geht um eine kräftige Rendite der Einheit, um ein sehr selbstbewusstes Bild von den jungen Ländern, die ja kulturgeschichtlich sehr alt sind. Gehen wir zunächst einen Schritt zurück. In Artikel 35 des Einigungsvertrages wurde seinerzeit festgelegt, dass die kulturelle Substanz im Beitrittsgebiet keinen Schaden nehmen dürfe, die kulturelle Infrastruktur zu fördern und die Finanzierung zu sichern sei. Dem Bund wurde hierbei für eine Übergangszeit eine gestaltende Rolle zugebilligt. Das war nur logisch, weil die neuen Länder und Kommunen mit der kulturellen Infrastruktur der früheren DDR völlig überfordert waren. Dazu gehörten 217 Theater, 87 Orchester, 955 Museen, 112 Musikschulen, 9349 Bibliotheken, 250.000 Einzeldenkmäler und Denkmalkomplexe sowie rund 180 national bedeutsame Stadtkerne. In Ostdeutschland waren vor fünfzehn Jahren etwa 15.000 bis 20.000 freiberufliche Künstlerinnen und Künstler registriert. So stolz man auch auf diese Bilanz war, verklärt wurde, wie es hinter der Kulisse vermeintlicher Kulturfreundlichkeit aussah: marode Ausstattung, verfallene Bausubstanz, veraltete Standards, verdrängter Sachverstand aus politischen Gründen. Während die notorisch klamme DDR in vier Jahrzehnten mit dem Museum für Moderne Kunst in Rostock gerade mal einen Museumsneubau zustande brachte, investierte die Bundesrepublik rund drei Milliarden DM, um etwa neunzig neue Museen zu eröffnen. Wir wollen an dieser Stelle ausdrücklich nicht vergessen, dass sich die friedliche Revolution von 1989 nicht nur der demokratischen Defizite annahm, sondern ebenso die Umweltzerstörung und den Niedergang ganzer Städte anprangerte. Die traumatische Kraft der grauen Alltagsbilder hat ihren Einfluss auf die Menschen nicht verfehlt. Sie konnten das schlicht nicht mehr ertragen. Also demonstrierten sie zum Beispiel in Leipzig auch gegen den drohenden Abriss historischer Altstadtviertel. Wer heute nach Leipzig oder Bitterfeld fährt, ahnt nichts mehr von den Schornsteinen, die Monika Maron einst in ihrem Roman "Flugasche" beschrieb,"die wie Kanonenrohre in den Himmel zielen und ihre Dreckladung Tag für Tag und Nacht für Nacht auf die Stadt schießen, nicht mit Gedröhn, nein sachte wie Schnee, der langsam und sanft fällt, der die Regenrinnen verstopft, die Dächer bedeckt, in den der Wind kleine Wellen weht." Ich lasse mich jetzt nicht dabei ertappen, die sozialen Verwerfungen, die die Wende über Ostdeutschland gebracht hat, zu übersehen, ich verkenne nicht die horrende Arbeitslosigkeit und den dramatischen Abwanderungsprozess, der zum Beispiel einer Stadt wie Halle einen Exodus von 80.000 Einwohnern einbrachte. Es sind vor allem die Kreativen gegangen, die genuinen Theatergänger und Museumsbesucher, unser Zielpublikum also. Doch gerade weil man in schwierigen Zeiten in die Köpfe investieren muss, weil ein gutes Kulturangebot ein wesentliches Kriterium für Wohlbefinden ist und Identifikation mit dem Lebensumfeld bedeutet, hat sich der Bund in so starker Weise engagiert.

Ein Beispiel: Nehmen Sie die Stadt Quedlinburg in Sachsen-Anhalt. Schon 1991 hatte man hier damit begonnen, einen Antrag für die Aufnahme der Altstadt mit über 1.200 Fachwerkhäusern, Kirchen, Adelshöfen und Bürgerhäusern in die Welterbeliste der UNESCO zu erarbeiten. Drei Jahre später war es geschafft. Gleichzeitig waren sich Stadt, Land und der Bund vollkommen darüber klar, welche Verantwortung man sich damit aufgebürdet hatte. 1991 war der Großteil der Bauwerke in einem beklagenswerten Zustand. Und heute? Quedlinburg blüht, der mittelalterliche Stadtkern ist perfekt saniert. Wer genau hinschaut, entdeckt eine Sammlung der Kulturleistungen Mitteldeutschlands. Hier ist ein faszinierender Ort des Geistes und der Bildung neu erwacht, in der man sich gern begegnet. Der Bund hat nicht nur dafür gesorgt, dass das ramponierte Herz der Altstadt wieder gesunden konnte, er hat den Stiftsschatz der Stiftskirche erworben und kam für die Präsentation der Ottonischen Geschichte im Städtischen Museum auf dem Schlossberg auf. Was in Pisa der Schiefe Turm ist in Quedlinburg der Schlossberg. Er gerät ins Rutschen, und das seit Jahren. Hier werden die bewährten Partner zusammenstehen müssen, um drohendes Unheil zu verhindern. Die Summe von zwei Millionen Euro, die der Bund dafür bereitstellt, wird beileibe nicht ausreichen.

Und noch etwas: Mit der vom Bund maßgeblich unterstützten Erweiterung der Lyonel-Feininger-Galerie konnte nicht nur ein Zentrum für moderne Kunst, also ein Museumsneubau entwickelt, die bedeutende Sammlung der Quedlinburger Bürger Erika und Hermann Klumpp konnte gleichzeitig auch für Deutschland gesichert werden.

Noch einmal und dennoch: Der Osten besteht nicht nur aus Existenzkrisen und empfundener Deklassierung, sondern hat auch ein Gesicht bekommen. Der Journalist Jens Bisky schreibt in einem Text: "Dank der Armut, die vielerorts erhalten hat, was der Wiederaufbau in Westdeutschland zerstörte, sieht es in den neuen Bundesländern oft schöner aus als in den alten, sie ähneln dem, was man sich unter'blühende Landschaften'vorstellen mag."

Natürlich hängt dies alles mit den schon oft beschriebenen, solidarischen Transferzahlungen zusammen. Ich will nicht bestreiten, dass mit den gern genannten 1250 Milliarden Euro auch Potemkinsche Dörfer - von überdimensionierten Fabriken bis überdehnten Einkaufszentren - gezimmert wurden, hinter deren schillernd brüchige Wände niemand schauen wollte, bis der Insolvenzverwalter anklopfte. Mir geht es aber um Geld, das ich nicht nur für gut angelegt halte, sondern das in vielen Städten und Regionen sogar identitätsstiftend verzinst werden konnte. Die Sonderprogramme der Bundesregierung für die kulturelle Infrastruktur in den neuen Ländern sind gewinnbringend investiert worden. Vor dem Hintergrund eines künstlich erzeugten, letztlich verbohrten "Kulturkampfes" Ost gegen West, wie er gerade heftig in Berlin tobt, lässt sich konstatieren, dass die ostdeutsche Kulturlandschaft nach der Wende eine besondere Form der Fürsorge erfahren hat. Die kulturelle Substanz im Beitrittsgebiet blieb weitgehend unangetastet. Die Väter des besagten Paragraphen 35 meinten damit, dass das in Jahrhunderten gewachsene kulturelle Erbe besonders zu behüten sei. Man legte zudem einen sehr breiten Kulturbegriff zugrunde, der auch Denkmalpflege, Volkskunst, Soziokultur und kulturelle Bildung umfasst. Gleichzeitig liegt im Artikel 35 auch ein gewaltiger Respekt vor der Kunst in der DDR. Die Anerkennung, die sie teilweise weltweit erhalten hatte, sollte demnach auch im neuen Deutschland nicht geschmälert werden. Natürlich und zu Recht gehörte auch der Umbau der ostdeutschen Kulturlandschaft zum Auftrag. Veraltete Strukturen, überkommene Personalpläne und planwirtschaftliche Methoden gehörten der Vergangenheit an. Auch die Kulturbetriebe in den neuen Ländern hatten sich auf die kaufmännische Buchführung und das Alphabet der Effizienz einzustellen. Wer heute - aus welchen Gründen auch immer - von Kampfsportbedingungen spricht, die der westdeutsche Kulturbetrieb den Ost-Intellektuellen übergestülpt habe, sollte eine Gesetzesexegese betreiben.

Meine Damen und Herren,

der Einigungsvertrag folgt der Feststellung, dass durch die Teilung Deutschlands ein gravierendes innerdeutsches Ungleichgewicht entstanden ist, das Bund, Länder und Gemeinden nur gemeinsam beseitigen können. Das gilt in besonderer Weise für die Kultur, solange die Finanz- und Wirtschaftskraft der neuen Länder und Kommunen zu schwach ist. Der in Artikel 20 des Grundgesetzes verankerte Grundsatz eines länderfreundlichen Verhaltens sieht den Bund in der Pflicht bei der Herstellung der inneren Einheit der Deutschen. Dazu gehört, dass man eine gemeinsame Pflicht für das kulturelle Erbe der alten traditionsreichen Landschaften besitzt. Die neuen Länder wurden also mit all ihren Schätzen nicht alleingelassen, sondern erfuhren die Unterstützung einer ganzen Nation. Es war aber nicht nur Geld, man registrierte auch eine veränderte Wahrnehmung für das, was in Greifswald, Stralsund, Potsdam, Dresden, Meiningen oder Görlitz wieder zu entdecken war. Ein verschattetes Bild vom Osten war dabei, sich langsam aufzuhellen. Das gelingt aber nicht nur mit Pückler, Kleist und Lessing, sondern zum Beispiel auch mit Neo Rauch, Tim Eitel und Arno Rink. Die Leipziger Malerschule ist ein Exportschlager in den Vereinigten Staaten und Großbritannien. Angelsächsische Sammler achten seit Neo Rauchs malerischem Erfolg verstärkt auf Talente aus Ostdeutschland oder zumindest auf die, die dort ausgebildet wurden. Die New York Times lobte den "starken Eindruck", den besonders ostdeutsche Künstlerinnen und Künstler bei Ausstellungen hinterlassen hätten. Wer auf ostdeutsche Kunst- und Kulturleistungen stößt, entdeckt nicht selten ein gesamtdeutsches Teamwork dahinter. So geschehen beispielsweise beim Film "Schultze gets the Blues". Ursprünglich für bayerische Handlungsorte gedacht, wurde er vom Pfälzer Regisseur Michael Schorr in Halle mit ostdeutschen Schauspielern inszeniert. Heraus kam eine sensible Tragikomödie über die Herzensheiterkeit inmitten ostdeutscher Tristesse. Wenn das nicht einheitsstiftend wirken kann.

Meine Damen und Herren,

Einige Zahlen kann und will ich mir nicht verkneifen. Zwischen 1991 und 1993 stellte der Bundesinnenminister 2,6 Milliarden DM zur Verfügung. Mit diesen Mitteln konnten vor vierzehn Jahren pauschal fünfzig Prozent der laufenden Kosten aller Theater, vieler Museen und anderer Kulturinstitutionen in den jungen Ländern gedeckt werden. Außerdem gelang es in den ersten Jahren,"kulturelle Einrichtungen und Veranstaltungen in den Städten, Gemeinden und Landkreisen in ihrer Substanz zu stabilisieren, strukturell zu modernisieren und regionale Beteiligungen auszugleichen", wie es ganz korrekt in einem Bericht des Bundesinnenministeriums heißt. Hinzu kam ein Denkmalschutzsonderprogramm, wofür in den ersten drei Jahren allein 190 Millionen DM ausgegeben werden konnten. Außerdem erhielten die in der DDR besonders schnöde vernachlässigten Kirchenbauten 160 Millionen DM Soforthilfe.

Im Jahr 1994 stellte die Bundesregierung aus dem Vermögen der ehemaligen Parteien und Massenorganisationen der DDR noch einmal 250 Millionen DM für die Kultur in den neuen Ländern zur Verfügung.

Weil die "zeitlich begrenzte" Übergangsphase nicht genau definiert wurde, erklärte sie der damalige Bundesfinanzminister Waigel vor nunmehr zehn Jahren für beendet und berief sich dabei auf den Länderfinanzausgleich, in den die neuen Länder fortan aufgenommen waren. Die Sonderprogramme hatten ausgedient. Was für ein Trugschluss! Der Investitionsbedarf der mitteldeutschen Kulturlandschaft war so gewaltig, dass der Bund gehalten blieb, nach neuen Wegen einer strategischen Partnerschaft zu suchen. Was bislang das Kulturministerium der DDR finanziert hatte, gelangte wegen der gesamtstaatlichen Bedeutung unter die Fittiche des Bundes. Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, die Stiftung Weimarer Klassik und Kunstsammlungen, das Bauhaus Dessau, das Bach-Archiv Leipzig und die Stiftung für das Sorbische Volk erhielten fortan insgesamt 54 Millionen DM aus der Bundeskasse. Vor zehn Jahren wurde obendrein ein Leuchtturmprogramm erdacht, mit dem es möglich wurde, bis zu 50 Prozent an den Personal- und Sachkosten bzw. der Investitionskosten weiterer national bedeutender Einrichtungen aus dem Bundeshaushalt zu finanzieren. In den Genuss kamen die Stiftung Archiv der Akademie der Künste Berlin-Brandenburg, die Stiftung Luther-Gedenkstätten in Sachsen-Anhalt, die Wartburg-Stiftung Eisenach, die Franckeschen Stiftungen zu Halle, die Kulturstiftung Dessau-Wörlitz, die Stiftung Fürst-Pückler-Museum Park und Schloss Branitz, die Stiftung Fürst-Pückler-Park Bad Muskau, die Stiftung Deutsches Meeresmuseum Stralsund, die Kleist-Gedenk- und Forschungsstätte Frankfurt / Oder, die Lessing-Gedenkstätte Kamenz und die Ständige Konferenz Mitteldeutsche Barockmusik in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Für diese sechzehn "Leuchttürme", von denen einige zum UNESCO-Welterbe gehören, werden jährlich rund 75 Millionen Euro ausgegeben. Leider sind nicht wenige dieser Einrichtungen noch immer in einem bedrohlichen, baulichen Zustand, so dass die Sanierung mit ungebremstem Tempo fortgeführt werden muss, soll der Anschluss an den West-Standard gelingen. An dieser Stelle will ich betonen, dass der Bund zwar Vorreiter der Kulturhilfe war, aber von wichtigen Partnern wie der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, der Kulturstiftung der Länder, der Robert Bosch Stiftung, der Alfred Krupp von Bohlen und Halbach Stiftung, der Alfred Toepfer Stiftung, der Körber-Stiftung, der Kulturstiftung der Deutschen Bank, der Wüstenrot-Stiftung, der ZEIT-Stiftung und der Ostdeutschen Sparkassen-Stiftung in besonderer Weise unterstützt wurde. Wir brauchen diese privaten Initiativen auch weiterhin, denn es ist noch viel, sehr viel zu tun. Allein für die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten und die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ist ein Investitionsbedarf von jeweils über 350 Millionen Euro errechnet worden.

Meine Damen und Herren,

wie Sie sehen, waren die kulturellen Transferzahlungen in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung dazu gedacht, den ostdeutschen Kulturbetrieb besonders sanft in das neue Land zu überführen. Gleichzeitig konnte der Bund keine Garantieerklärung für jede überkommene Einrichtung in ihrer bisherigen Form und Personalausstattung abgeben. Besonders die Reform der Theaterlandschaft kam ohne größere Einschnitte nicht aus. Heute gibt es laut Statistik in den fünf neuen Ländern 1.415 Museen, 275 Spielstätten der Theater und 46 Orchester. Die ostdeutschen Museen zählten im Jahr 2003 24,3 Millionen Besuche. Wenn man die Zahlen von damals und heute vergleicht, muss man hinzufügen, dass die Demokratisierung der Rechts- und Trägermodelle eine Vielzahl neuer Initiativen überhaupt erst ermöglich hat, die zu DDR-Zeiten undenkbar gewesen wären. All diese Ideen und Projekte, die viel über die Vitalität der ostdeutschen Kunstszene erzählen würden, sind leider in keiner Statistik erfasst. Ich habe auf meinen Reisen erlebt, wie ein Kinoclub in Neubrandenburg einer ganzen Stadt die Schwellenangst vor der Filmkunst nimmt. Die Idee der Halberstädter Burchardikirche, mit John Cages "As slow as possible" ein Musikstück aufzuführen, dessen Dauer mehr als sechs Jahrhunderte umspannt, darf mit Recht auch als ein besonders kühnes Unterfangen bezeichnet werden. Dennoch sind die Bürgerinnen und Bürger stolz auf dieses Projekt. Und wenn sie ins thüringische Bauerbach kommen, werden sie erleben, wie man dort nicht nur seinen Schiller hochhält, sondern ihn auch spielt - mit Darstellern aus dem Gemeindeensemble!

Während der Bund also in den ersten Nachwendejahren zunächst in die breite Infrastruktur investierte, systematisierte sich die Förderung wenig später und wurde auf kulturelle Spitzeneinrichtungen zugeschnitten. Bei der Gründung meiner Behörde im Jahr 1998 entstand das Programm "Kultur in den neuen Ländern", um den Ländern und Kommunen dabei zu helfen, ihre Kultureinrichtungen attraktiver zu machen, die Bauten zu modernisieren und ihr Geschäft international zu positionieren. Nachdem die Kohl-Regierung die Kulturmittel in den letzten drei Jahren ihrer Amtszeit dramatisch zurückgefahren hatte, eröffneten sich jetzt neue Perspektiven. Zwischen 1999 und 2003 offerierten die neuen Länder Investitionsprojekte, die vom Bund zur Hälfte getragen wurden. Etwa 158 Millionen Euro wurden aus dem Bundeshaushalt beigesteuert, um das Grassi-Museum in Leipzig, das Theater in Gera, die Slawenburg Raddusch oder die Mecklenburgische Landesbibliothek Schwerin zu sanieren. Der Verfall der historischen Bausubstanz konnte somit in vielen Regionen gestoppt werden.

Meine Damen und Herren,

im Jahre fünfzehn der deutschen Einheit ist es an der Zeit, das Jahrzehnt der wirkungsvollen Übergangsfinanzierung zu beenden und die Kulturförderung in den jungen Ländern neu zu justieren. Natürlich bleibt der Artikel 35 des Einigungsvertrages voll gültig, solange der Rückstand aus Zeiten der Teilung nicht aufgeholt worden ist. Dennoch ist der Bund nur noch bedingt in der Lage, millionenschwere Spezialprogramme ad hoc zu organisieren. Ausgenommen sind freilich die Investitionen für nationale Kultureinrichtungen, für die noch immer rund sechs Millionen Euro aufgebracht werden. Hinzu kommen verschiedene Programme für den Städtebau mit mehreren hundert Millionen Euro. Auch die Kulturstiftung des Bundes fördert in den Jahren 2002 bis 2005 insgesamt 130 Projekte in den neuen Ländern mit einer Gesamtsumme von 19,2 Millionen Euro. Die Forschungen zu den "schrumpfenden Städten" sind in aller Munde. Zum Programmschwerpunkt "Kulturelle Aspekt der deutschen Einigung" gehört aber auch der exzellente und leider inzwischen vergriffene Kulturbericht "Labor Ostdeutschland", der dem gesellschaftlichen Wandel in den neuen Ländern nachgeht und die vielfältigen Auswirkungen auf das Spektrum kultureller Aktivitäten beleuchtet. Nicht unerwähnt lassen möchte ich auch den Austauschfonds Ost-West, der die Kooperation und den Austausch zwischen Kultureinrichtungen in den alten und den neuen Bundesländern ankurbeln soll. Wichtig ist mir ein Fonds, der das bürgerschaftliche Engagement für die Kultur in den neuen Ländern stärken soll. Alle Einrichtungen und Projekte, die mit diesen Mitteln gefördert werden, zeichnen sich durch ein hohes Engagement der Bürgerinnen und Bürger aus und tragen dadurch - besonders in strukturschwachen Städten und Gemeinden - zur Verbundenheit der Menschen mit ihrer Region bei. Zum Beispiel haben in der Werkstatt des Vereins Buchkinder in Leipzig 80 Kinder und Jugendlich im Alter zwischen 4 und 18 Jahren ihre eigenen Texte geschrieben, mit Bildern versehen und sodann Bücher daraus gedruckt. Eine Wanderausstellung soll nun weitere "Buchkinder" anlocken. Wie Sie sehen, ist es nicht wenig Geld, das aus der Bundeskulturkasse in die neuen Länder fließt.

Ich rede aber an dieser Stelle unbedingt einem Paradigmenwechsel das Wort und meine, dass das Anspruchsdenken zur finanziellen Situation eines Landes in einem gewissen Verhältnis stehen sollte. Es ist ein großes Privileg, dass Ostdeutschland durch den Solidarpakt II bis zum Jahr 2019 insgesamt 105 Milliarden Euro erhält. Daraus sollen, so heißt es,"teilungsbedingte Sonderlasten aus dem bestehenden infrastrukturellen Nachholbedarf" finanziert werden. Ich sehe diesen Nachholbedarf nicht nur im Straßen- und Brückenbau, sondern vorrangig auch in der kulturellen Infrastruktur. Nehme man vom Solidaritätspakt II nur ein Prozent für die Kultur, könnten Museen, Konzerthallen, Theater und Bibliotheken mit jährlich 70 Millionen Euro renoviert werden. Ich habe den ostdeutschen Ministerpräsidenten diesen Vorschlag gemacht und erwarte von den Finanzministern, dass die Kulturförderung nicht erst dann zu ihrem Recht kommt, wenn alle anderen Probleme gelöst sind. Straßenbau ist wichtig, aber nicht alles. Die Länder sollten ihren kulturellen Reichtum nicht nur als Verpflichtung, als Ballast, als Belastung, sondern auch als grandioses Entwicklungspotential betrachten. Es ist ein Drama der deutschen Politik, dass die Kultur immer wieder geringgeschätzt wird. Deshalb nimmt es auch nicht wunder, dass die Chancen für den Kulturtourismus in Ostdeutschland weder überall erkannt noch genutzt werden. In Ermangelung eines tragfähigen, ganzheitlichen Konzepts liegen viele Möglichkeiten noch immer brach. Spielerisches Lernen jedoch entsteht durch Reisen, wie denn sonst?

Es reicht eben nicht, historische Bauwerke zu sanieren, man muss sie auch zu nutzen wissen. Hier sehe ich große Möglichkeiten - von Dessau bis Bad Muskau, von Eisenach bis Görlitz. Wie gesagt, hier wäre das Geld wirklich gut angelegt und hier lässt sich auch Geld verdienen, und zwar nicht wenig. Es ist die kulturelle Identität einer Stadt, die auch eine Basis für wirtschaftliches Interesse bietet. Wir haben es hier, um es noch einmal deutlich zu sagen, mit einem erstrangigen Wirtschaftsfaktor zu tun, auch wenn 40 Jahre DDR natürlich ihre hartnäckigen Spuren hinterlassen haben. Gleichwohl kann der Kulturtourismus natürlich nur funktionieren, wenn auch Urbanität gelernt wird. Das hängt zusammen. Leben als Zusammenleben in städtischer Gemeinschaft zu begreifen, das muss gelehrt werden.

Sieben Millionen Besucher zählten allein die Einrichtungen, die sich in der Konferenz Nationaler Kultureinrichtungen ( KNK ) zusammengeschlossen haben und die nichts unversucht lassen, um ihre "Leuchttürme" strahlen zu lassen. Die KNK vereinigt die zwanzig wichtigsten, gesamtstaatlich bedeutenden Museen, Sammlungen, Archive und Gärten, die in einem sogenannten "Blaubuch" von Paul Raabe zusammengestellt wurden. Die Anlehnung an die "Blaue Liste", der Zusammenstellung der im Bund und Sitzland geförderten wissenschaftlichen Einrichtungen, ist beabsichtigt. Es geht darum, wie Paul Raabe sagt, die breite Öffentlichkeit mit "dem Reichtum der Kultur im Osten Deutschlands vertraut zu machen." Gleichwohl ergibt sich aus einer systematischen Erfassung und einer Prämierung als "Leuchtturm" nicht automatisch ein Anspruch auf finanzielle Förderung durch den Bund. Dafür gibt es keine einheitlichen Regeln. Es ging uns zunächst um eine Gesamtschau über das Potenzial kultureller Spitzeneinrichtungen. 500 Jahre deutscher Kulturgeschichte sind von Epochenereignissen in Thüringen, Sachsen und Preußen geprägt worden. Wittenberg und Halle, Potsdam und Weimar, Leipzig und Dresden, einst kulturelle und geografisch Deutschlands Mitte, liegen nun in Ostdeutschland, sind dafür aber in die Mitte Europas gerückt. Unter dem Titel "Topographien ost-r Kultur 1505 - 2005" werden sich die 23 Museen und Sammlungen in Deutschland, aber auch auf einer großen Europareise mit einer Ausstellung präsentieren. Die Kulturstiftung des Bundes hat dieses Projekt mit 3,2 Millionen Euro finanziert, um geschichtliche Querverbindungen aufzuzeigen jund diese kulturgeschichtlich bedeutsamen Sammlungen Ostdeutschlands als "Material" zur Darstellung einer einzigartigen europäischen Kulturlandschaft zu begreifen.

Meine Damen und Herren,

mit Interesse nehme ich Signale auf, die aus Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein ausgesendet werden. Diese Länder wollen gemeinsam mit dem Bund ein Verzeichnis national bedeutender Einrichtungen im norddeutschen Raum herausbringen. Initiativen aus dem Süden und Westen Deutschlands sehen wir ebenso gern. Ich wünsche mir ein deutsches "Blaubuch" nach einheitlichen Kriterien, das den Reichtum und den Rang dieser Kulturnation beschreibt und die Ausstrahlung für Europa betont. Ein solches Buch sollte das Bild, das Deutschland manchmal von sich hat, gravierend verändern.

Meine Damen und Herren,

ich habe davon gesprochen, welchen Wert der Kultur beim Aufbau Ost zukommt. Dabei liegt mir am Herzen, dass nicht das Essen von Spreewaldgurken und das Tragen von Armeesportanzügen für einen authentischen Ausdruck ostdeutscher Kultur gehalten wird. Die fünf neuen Länder haben mehr zu bieten als fröhlich-unbekümmerte Ostalgie-Shows und einen griesgrämigen Anspruch auf einen Außenseiterbonus. Die Kulturschätze von Weimar und Dresden sind uns nicht mehr fremd. Das zeigt die beeindruckende Spendenaktion von 15.000 Einzelpersonen, Unternehmen und Stiftungen für die vom Brand verheerte Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek, dem geistigen Knotenpunkt unserer Nation. In ein paar Jahren wird der Rokkokosaal dieser Bücherkirche der deutschen Klassik wiedererstanden sind, uns es wird uns genauso anrühren wie der furiose und unglaublich zu nennende Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche. Sechzig Jahre nach ihrer Zerstörung ist dieses barocke Meisterwerk zu einem Symbol für das geeinte Land geworden. Und zwar nicht wegen der Transferleistungen, sondern wegen der hochherzigen Spendenbereitschaft aus Deutschland, aber auch aus aller Welt. Diese Aktion hat wirklich Identität gestiftet und den Bürgersinn herausgefordert. Wer wollte, konnte Steine kaufen oder seine Form der Beteiligung als Uhr am Handgelenk tragen, und viele, sehr viele haben davon Gebrauch gemacht. Solche und ähnliche Initiativen, Patenschaften für Kultur erwarte ich mir auch für all das, was in Ostdeutschland noch zu tun ist. Die Kulturlandschaft ist einzigartig, und es wird auf uns alle ankommen, wie wir mit diesen Gedächtnisorten umgehen, wie wichtig es uns ist, all das zu bewahren und auch zu schützen. Wenn es immer erst Katastrophen bedarf, um die Sinne für unser geistiges Erbe zu schärfen, wird es irgendwann zu spät sein.

Meine Damen und Herren,

mit Ihrer Reihe versuchen Sie, eine Bilanz der Deutschen Einheit zu ziehen. Es wird Ihnen nicht entgangen sein, dass ich in das gängige Tremolo über das Scheitern der Aufbauarbeit nicht eingestimmt habe. Wenn wir aber schon bei den Modellregionen, Sonderzonen und Wachstumskernen sind, die künftig mehr und mehr in den Blick rücken sollen, so darf man feststellen, dass die Kultur eindeutig auf der Haben-Seite des Aufbau Ost rangiert. Nirgendwo sonst ist es schneller vorangegangen. Hier ist die Kultur des Aufschwungs wirklich gelungen. Was den Theatern und Museen zu schaffen macht, gilt nicht allein für die neuen Länder. Es ist der Konkurrenzdruck in der Erlebnisgesellschaft. Wir beklagen in Ost wie West, dass die Anzahl jüngerer Besucherinnen und Besucher im bürgerlichen Kulturbetrieb schwindet. Dennoch sind wir gehalten, um die Vielfalt unserer Kulturlandschaft zu kämpfen. Vor allem müssen wir dringend ein neues Marketing für diesen Reichtum entwickeln, der einen Bewusstseinswandel nach sich ziehen könnte.

Wir müssen ein neues Marketing für die Wertschätzung der Künste und des kulturellen Reichtums entwickeln. Das erst führt zu Mündigkeit und zu Engagement und zu Gemeinsinn.

Diejenigen, die wissen, warum sie an ihrem Ort kulturell leben wollen, die kämpfen auch für ihren Ort auf der wirtschaftlichen Ebene und übrigens selten umgekehrt. Ich wiederhole mich zum Schluss sehr gern: Erst die kulturelle Identität bietet die geeignete Basis für wirtschaftliches Interesse. Ich danke Ihnen für Ihr Interesse.