Redner(in): Gerhard Schröder
Datum: 27.04.2005

Anrede: Anrede,
Quelle (evtl. nicht mehr verfügbar): http://archiv.bundesregierung.de/bpaexport/rede/90/822790/multi.htm


Liebe Frau Heyse, verehrter Herr Kilz, meine Damen und Herren.

Medien- und Journalistenpreise gibt es in Deutschland reichlich. Renommierte sind darunter, wie der Theodor-Wolff-Preis, der Wächterpreis der Tagespresse oder der Kisch-Preis - übrigens allesamt Auszeichnungen, die Herbert Riehl-Heyse erhalten hat. Aber eben auch viele andere, die nur kleinen Kreisen von ausgewiesenen Fachleuten bekannt sind.

Preise werden verliehen für journalistisches Handwerk, an den journalistischen Nachwuchs, für Parlamentsberichterstattung und die verschiedensten Spezial- und Spartenthemen. Begründet und berechtigt sind sie vermutlich alle. Also braucht es da noch einen weiteren Journalistenpreis?

Die Süddeutsche Zeitung war jedenfalls der Überzeugung und hat jetzt erstmals den Herbert Riehl-Heyse-Preis ausgelobt. In Erinnerung an den großen und prägenden Redakteur und Autor der SZ. Hätten die Verantwortlichen der Süddeutschen Zeitung anders entschieden und von der Preisstiftung Abstand genommen, wäre es uns allen nicht vergönnt gewesen, den heutigen Abend miteinander im Münchener Literaturhaus zu verbringen. Allein das wäre schon bedauerlich genug gewesen.

Und doch ist der vergnügliche gesellschaftliche Anlass ein ganz und gar nebensächlicher Aspekt. Denn für den Fall, dass Sie wirklich auf einen Journalistenpreis verzichtet hätten, wäre Ihnen, verehrter Herr Kilz, und gewiss noch einigen anderen respektablen Persönlichkeiten aus Verlag und Redaktion einiges vorgehalten worden.

Zum Beispiel, dass Sie nicht genug darüber nachgedacht hätten, wie Person, Wirken und Vorbildfunktion von Herbert Riehl-Heyse ausreichend und angemessen zu würdigen wären. Sie haben sich, zu Recht und zum Glück will ich ausdrücklich sagen, für die Vergabe eines Riehl-Heyse-Preises entschieden.

Das steht zum einen der Süddeutschen Zeitung als auflagenstärkster Tageszeitung in Deutschland und als wichtiges Leitmedium im politischen Journalismus gut an. Vor allem aber: mit diesem Preis ehren und würdigen wir einen ganz Großen der journalistischen Zunft. Der Name Riehl-Heyse steht für Qualität und Unbestechlichkeit. Für unbequemen und doch stets fairen Journalismus.

Ich bin sicher, dass dieser Herbert Riehl-Heyse-Preis schon nach kurzer Zeit unter Journalisten als eine der begehrtesten Premium-Auszeichnungen gelten wird. Natürlich ist das dem Mann zu danken, an den wir uns alle heute Abend in Respekt, Freundschaft und auch in Wehmut erinnern. Dem Riehl ", wie er nicht nur unter Kollegen der Süddeutschen liebevoll und der Einfachheit halber genannt wurde. Ein großartiger Journalist und Reporter, präzise im Urteil und unnachahmlich im Stil, der mit seinen Beiträgen die große Reportage auf der Seite drei der SZ und das'Streiflicht'zu dem gemacht hat, was sie heute sind: Markenzeichen der Süddeutschen und Glanzstücke journalistischer Kunst.

Riehl-Heyse verstand es wie nur wenige, die Fähigkeit der sorgfältigen Beobachtung zu verbinden mit sprachlicher Meisterschaft, verschmitztem Humor und feiner Ironie. Einer Ironie, die nie hämisch oder bösartig wurde, weil sie stets auch Selbstironie war.

Im Vordergrund seiner Texte standen fast ausnahmslos Menschen mit ihren je besonderen Schwächen, Anfechtungen,"Macken", Vorlieben und Handlungsmotiven.

Er begegnete diesen Menschen, gleichgültig ob sie Handelnde oder eher Be-Handelte waren, einfühlsam und verständnisvoll. Ganz einfach mit Sympathie und journalistischer Neugier, weswegen er nie der Versuchung erlag, als Voyeur, als Belehrender oder auch nur als Besserwisser aufzutreten.

Menschliche Verfehlungen konnte er ertragen und verzeihen, nicht aber Verstöße gegen menschliches und berufliches Ethos, nicht Ignoranz oder die Missachtung der Grundwerte unseres Gemeinwesens. In seinen vielen Texten finden sich immer wieder Beispiele, die diesen Unterschied deutlich machen. Mir hat folgendes zum Scheckbuch-Journalismus besonders gefallen, weil es mir typisch für Riehl-Heyse erscheint.

Selbstverständlich hielt er es für anstößig und nicht korrekt, wenn jemand einen Scheck ausstellt, um sich damit von einem Journalisten eine Gefälligkeit zu erkaufen. Diesen Versuch hätte Riehl aber dennoch als allzu menschlich gewertet. Empörend und im höchsten Maße verwerflich dagegen waren für ihn die Fälle, in denen Journalisten derartige Schecks annahmen, um dem Geld oder der Macht zu Willen und zu Diensten zu sein.

Herbert Riehl-Heyse war im besten Sinne des Wortes ein Moralist, ja in Sachen journalistischer Ethik sogar ein Rigorist. Aber auch im Umgang mit moralischen Prinzipien verlor er nie sein Maß. Da er anderen nicht mehr, sondern im allgemeinen immer etwas weniger abverlangte als sich selbst, war er niemals überheblich, selbstgefällig oder selbstgerecht.

Überhaupt faszinierte Riehl-Heyse vor allem durch seine Haltung. Durch seine Geradlinigkeit, durch seine Aufrichtigkeit, durch seinen Gerechtigkeitssinn. Es stimmt schon: Furcht, gar Ehrfurcht vor den Mächtigen waren ihm völlig fremd, sehr zum Leidwesen des einen oder anderen Mächtigen.

Nein, durch besondere Milde oder Nachsicht gegenüber Politik und Politikern ist er ebenfalls nicht aktenkundig geworden. Und dennoch: Auch als unnachsichtiger Kritiker blieb er sich in seinem Bemühen treu, anderen möglichst gerecht zu werden, nie jemanden persönlich zu verletzen.

Um das zu erreichen, hielt Herbert Riehl-Heyse journalistische Unabhängigkeit und Objektivität für unverzichtbar. Das wollte er nie mit Meinungslosigkeit oder Wankelmut gleichgesetzt wissen. Im Gegenteil. Gerade wer sich im politischen Journalismus behaupten will, muss nach Ansicht von Riehl einen eigenen Standpunkt vertreten können. Kompetent und mit guten Argumenten. Das geht nicht ohne Fleiß und intensive Vorbereitung. Denn ein Journalist muss genau wissen, was ist und was er will.

Meine Damen und Herren,

Riehl-Heyse war ein belesener, ein gebildeter, ein gesellschaftspolitischer, engagierter Journalist. Eine Edelfeder, natürlich. Das alles ist zutreffend und ist doch nicht alles. Denn Riehl war auch ein sehr bodenständiger, heimatverbundener Mensch. Er ist mit Leib und Seele Bayer gewesen, genauer wohl: Oberbayer aus Altötting. Und er ist ein aufgeklärter Patriot gewesen.

Oft hat er davon erzählt, wie er in und mit diesem Deutschland groß geworden ist. Wie er Kindheit und Pubertät in der Adenauer-Zeit verbrachte. Dann das eigene, anfänglich zögerliche politische Erwachen in der Post-Adoleszenz und in den Münchener Studienjahren parallel zu Studentenbewegung und sozialliberaler Regierung. Er hat dieses Deutschland mit Empathie beschrieben und kritisiert, gewürdigt und mitgestaltet.

Wer sich diese sehr persönlichen Erinnerungen und die autobiografischen Aufzeichnungen noch einmal vornimmt, der wird aufs Neue beeindruckt sein von der Kraft der Sprache: anschaulich, vital, verständlich, ganz unprätentiös.

Lassen Sie mich an einigen Beispielen aus dem Buch "Ach, du mein Vaterland" diese Wirkung aus Sprache und geschilderter Begebenheit deutlich machen.

Mitte 1959 hatte Riehl die Abiturrede zu halten, in der er "ausschließlich darüber räsonierte, warum ich sehr gut daran getan hatte, aufs humanistische Gymnasium gegangen zu sein und nicht auf eine gewöhnliche Oberrealschule. Zwar hatte mich seinerzeit bei der Einschulung natürlich niemand gefragt, in welche Schule ich wollte, aber das hat noch nie jemand daran gehindert, eine Entwicklung, für die er nichts kann, nachträglich philosophisch zu überhöhen."

In der Politik begegnet einem dieses Phänomen in Gestalt der beliebten Frage: "Herr Bundeskanzler, war das wieder einmal Strategie?"

Das zweite Beispiel handelt von den, ach, so edlen Beweggründen von Journalisten: "Nicht, dass unsereins alles besser beurteilen könnte als der Rest der Bevölkerung. Der Unterschied ist nur, dass man - anders als die meisten - immer wieder eine gute Chance bekommt, so zu tun, als ob man das könnte."

Und schließlich, drittens, jene Frage, die noch nicht gefestigte Charaktere, was unter Journalisten verbreiteter sein soll, als vielfach angenommen, ernsthaft ins Grübeln bringen könnte: "Sind Sozis wählbar? ... Sozis sind bestenfalls entbehrlich, in Wahrheit sehr gefährlich. Wer in Oberbayern aufgewachsen ist, gleich in der Nähe der niederbayerischen Grenze, kannte sie im Prinzip nur vom Hörensagen."

Nun, ich hoffe doch sehr, dass sich die Situation selbst in der oberbayerischen Diaspora spürbar gewandelt hat. Jedenfalls möchte ich in diesem Kreis keine Antwort schuldig bleiben. Selbstverständlich sind Sozis wählbar. Mag mancher auch mit Teilen unserer Politik nicht recht zufrieden sein, eine Tatsache hat festen Bestand: Besser als die anderen sind wir schon.

Meine Damen und Herren,

nach so viel Lob und Wertschätzung würde es mich nicht überraschen, wenn sich so allmählich Zweifel und Skepsis bemerkbar machten. Vielleicht fragen Sie sich, ob dieser Riehl womöglich eine Lichtgestalt gewesen ist, perfekt und unfehlbar. Ich kann Sie beruhigen. Auch dieser außergewöhnliche Journalist hatte seine Schwäche, sein Faible. Seine Leidenschaft, hätte er wohl von sich gesagt.

Richten wir unsere Aufmerksamkeit also auf die, wenn Sie so wollen, dunkle Seite der Riehlschen Persönlichkeit. Die Diagnose ist unzweifelhaft: Riehl-Heyse war ein Infizierter, ein Junkie, ein Abhängiger. Und er wusste es. Er kam von seiner Sucht nach Fußball einfach nicht los. Alle Therapieversuche, vom Kunstschwimmen über Kartenspiel bis hin zur Gartenarbeit, sind gescheitert.

Als Fußballanhänger kann ich das nachempfinden. Wer mit dem Fußball-Virus schon in früher Kindheit infiziert wurde, der ist für eine Welt ohne Fußball auf alle Zeit verloren. Keine Aussicht auf Besserung oder Heilung? Riehl-Heyse hatte schon recht, als er notierte, das Problem der Fußballbegeisterten sei eben, dass wir uns nicht helfen lassen wollen.

Warum das gesellschaftlich gerade noch so tolerabel ist, hat Riehl-Heyse in einem wunderbaren Text in der damaligen Feuilleton-Beilage der SZ im Juni 1998 überzeugend nachgewiesen. Sie spüren an meiner Begeisterung, dass ich fast geneigt bin, Ihnen den ganzen Text über Blutgrätschen, Steilpässe, die Tiefe des Raumes oder linke Kleben vorzutragen. Keine Sorge, ich werde davon noch einmal absehen, aber zum Nachlesen ist dieses Stück allen Anwesenden dringend empfohlen.

Meine Damen und Herren,

Herbert Riehl-Heyse ist uns nicht nur als begnadeter Schreiber oder als Fußballexperte unvergessen. Er hat sich auch durch seine brillanten und reflektierten Betrachtungen über das Verhältnis von Politik und Medien und speziell über den Auftrag der Medien in einer demokratischen Gesellschaft einen Namen gemacht. Nun wäre es für mich außerordentlich fahrlässig, wenn ich jetzt eine Grundsatzrede über das Verhältnis von Politik und Medien anfinge. Ein aktiver Politiker, der Bundeskanzler zumal, würde sich nämlich ganz schnell in einer Argumentations- und Rationalitätsfalle wiederfinden und fürchterlich verdroschen werden. Nur geschieht das bei mir so häufig, dass mir das auch schon nichts mehr ausmachte. Aber ich will zu einem gelungenen Abend beitragen, wie ihn der Chefredakteur gefordert hat.

Lobt nämlich jemand wie unsereins die Medien, würde ihm unterstellt, er habe es nötig, sich anheischig zu machen, oder noch schlimmer, so ein Lob könne nur vergiftet sein und würde von Journalisten, wie Johannes Rau es einmal nannte, als "eine besonders perfide Form von Rufmord" verstanden. Kritisiert unsereins aber die Medien, dann würde es unweigerlich heißen, er wolle bloß von den eigenen Fehlern ablenken - als ob unsereins jemals welche machte - und benutze die Medien dann gleichsam als Sündenböcke. Deswegen will ich nur einige, ganz kurze Bemerkungen machen.

Erstens: Politik und Medien sind trotz unterschiedlicher Interessen aufeinander angewiesen. Politik braucht die Medien, um die eigenen Beschlüsse und Inhalte zu transportieren und, wie man so sagt, zu vermitteln. Medien wiederum brauchen die Politik, weil sie Inhalte für ihre Berichterstattung benötigen und von möglichst exklusiven Informationen abhängen. Aus diesem an sich banalen Sachverhalt resultiert ein besonderes Spannungsverhältnis aus Konsens und Konflikt, aus Nähe und eben auch Distanz, jedenfalls in der Regel. Vieles schiene mir gewonnen, wenn sich die handelnden Personen in Politik und Medien dieser Tatsache, dieser Konfliktlage, wirklich immer bewusst wären - das würde nämlich hilfreich sein, und zwar auf beiden Seiten - und deshalb darauf verzichten würden, Nähe pauschal als Kumpanei zu denunzieren oder Distanz zum Selbstzweck zu verklären, die dann auch nur zu leicht in Verachtung von Politik umschlägt.

Es gibt das wirklich - ich weiß, wovon ich rede - , dass man Journalisten wegen dessen, was sie schreiben, auch dann, wenn es einem nicht gefällt, richtig achtet, bis hin dazu, dass man sie sogar gerne mag. Ich habe noch keine Form gefunden, in der man das ausdrücken könnte. Eines der schönsten Dinge, für die ich auch ewig dankbar sein werde, habe ich irgendwann im Januar oder Februar von Gunther Hofmann in der "ZEIT" gelesen. Darin hat er sich mit meiner Zukunft beschäftigt - das tun viele, natürlich außer mir - und festgestellt: Das ist merkwürdig mit dem: er ist so ruhig, obwohl das doch alles so aufregend ist. Es ist wohl so, dass es für ihn 2006 nur noch um Sieg oder Viktoria geht. - Kein schlechtes Bild in diesem Zusammenhang, fand ich.

Zweitens, um bei der Sache zu bleiben: Gesellschaft, Politik, Medienlandschaft und Journalismus unterliegen seit Jahren einem beschleunigten Wandel. Das ist so. Gesellschaft und Politik sind mit strukturellen Veränderungen konfrontiert, die - wie Globalisierung und demografischer Wandel - einschneidende Auswirkungen bis in den Alltag der Menschen haben.

Journalisten - das wird auch bei uns gelegentlich nicht verstanden - , auch dann, wenn sie so tun, als wenn es sie nichts anginge, haben angesichts der Veränderungen in der Medienlandschaft durchaus Angst um ihre Arbeitsplätze. Mich beschäftigt das jedenfalls; denn Angst schafft nicht mehr Unabhängigkeit, sondern in aller Regel weniger. Das müssen diejenigen bedenken, die als Verleger und als Verlagsmanager nicht zuletzt über solche Fragen zu entscheiden haben. Es ist nämlich kein guter Ratgeber und kein Garant für Unabhängigkeit und journalistischen Mut, wenn man existenzielle Angst hat, sondern das Gegenteil dessen.

Im Mediensystem hat nicht zuletzt wegen sinkender Werbe- und Anzeigenerlöse der Konkurrenzdruck zugenommen, und im Journalismus ist ein Trend in Richtung Boulevardisierung, Personalisierung und auch Skandalisierung festzustellen. All diese Entwicklungen haben unweigerlich Konsequenzen für die Vermittlung und die Darstellung von Politik. Aufgabe der Politik ist es, in den dafür vorgesehenen Gremien Entscheidungen zu treffen, Gesetze zu beschließen und sich dabei am Allgemeinwohl zu orientieren. Diese Beschlüsse und Inhalte werden von Politikern, professionellen Experten und vielen anderen Akteuren erläutert, begründet, also kommuniziert oder auch vermittelt. Das ist das Material für die Darstellung von Politik in den Medien. Diese Darstellung folgt - das ist unsere Erfahrung - einer ganz eigenen Logik. Hierbei geht es weniger um die Abbildung von Politik als vielmehr um eine mediengerechte und möglichst attraktive Präsentation von Politik. Die Stichworte hierfür lauten zunehmend Vereinfachung, Zuspitzung und auch Popularisierung. Dagegen tritt die kritische, analytische und erklärende Auseinandersetzung mehr und mehr in den Hintergrund. Das fällt einem wirklich auf, wenn man Politik nicht nur in dem, was geschrieben wird, zur Kenntnis nimmt, sondern wenn man sie selbst macht. Ich halte diese Entwicklung für bedenklich, meine Damen und Herren, denn was Medien als Politik darstellen, ist das, was die Bürgerinnen und Bürger von der Politik wahrnehmen.

In der Auseinandersetzung z. B. um die Reformen der "Agenda 2010" - kein schöner Land - habe ich so meine Erfahrungen gemacht. Sicherlich ist die Erwartung berechtigt, dass sich Politiker verständlich ausdrücken. Ebenso unstrittig ist wohl, dass die Probleme komplexer und komplizierter geworden sind. Was Dienstleistungsfreiheit und Dienstleistungsrichtlinie in Europa beinhalten und was sie zur Folge haben, lässt sich in den berühmten "Müh' dich und sei fleißig, aber nicht über 1:30" nicht wirklich nachvollziehbar darstellen. Dafür braucht man Zeit, Raum und übrigens auch die Fähigkeit, aber auch den Willen, sich mit den Inhalten auseinander zu setzen. Es müssen Zusammenhänge aufgezeigt und auch erläutert werden. Das ist wirklich eine Herausforderung, nicht zuletzt für die Medien. Aber meine Erfahrung ist: Statt Zusammenhänge durchschaubar zu machen, werden Konflikte, manchmal auch Schein-Konflikte, meistens personalisiert. Als ambitionierten, aufklärenden, informierenden Journalismus lässt sich das nicht immer bezeichnen.

Damit ich nicht missverstanden werde: Quote, Auflage, Reichweite - an die müssen Chefredakteure und auch Journalisten denken; das ist legitim. Aber das kann nicht bedeuten, dass jedes Mittel recht ist, um Quote und Auflage zu steigern.

Ich weiß: Qualitätsjournalismus ist nicht zum Nulltarif zu haben, Herr Dürrmeier, damit das klar ist. Er kostet Geld, er verlangt ein entsprechendes journalistisches Selbstverständnis, er setzt den informierten Journalisten voraus und er verlangt auch einen ordentlichen Redaktionsetat. Ich bin sicher, dass das von dem einen oder anderen in Zukunft zitiert werden wird. Allzu oft erlebe ich in der täglichen Praxis das krasse Gegenteil. Da wartet, wie das in einem Film hieß, die "Meute" ungeduldig vor den Sitzungsräumen, um irgendein Statement aufzuschnappen. Für mich, das ist eine wirklich täglich zu machende Erfahrung, erschöpft sich der viel besprochene, auch hier abgehandelte kritische Journalismus - jedenfalls bei den elektronischen Medien - darin, dass mir ein Mikrofon nebst Kamera vorgehalten wird und mich eine meist sehr junge Dame oder ein junger Mann "Und, Herr Bundeskanzler?" fragt. Das ist sozusagen das Zeichen für die kritische Auseinandersetzung mit der Problematik, um die es gerade geht.

Drittens: Medien und Journalisten üben eine wichtige Kontrollfunktion in öffentlichen Angelegenheiten aus. Sie lassen Menschen zu Wort kommen, die ihre Stimme eben nicht öffentlich erheben. Deswegen werden sie gelegentlich als Wächter der Demokratie oder gar als "vierte Gewalt" bezeichnet. Da sie selbst keiner demokratischen Kontrolle unterliegen, müssen sie mit ihrer Macht und ihrem Einfluss besonders gewissenhaft umgehen. Das heißt für mich, sie müssen der Versuchung widerstehen, sich selbst als politische Akteure zu begreifen. Es kann nicht Aufgabe von Journalisten sein, Politik, anstatt sie kritisch zu beschreiben und sie meinetwegen auch sehr kritisch zu bewerten, selbst machen zu wollen. Auch diese Grenze wird nicht immer und immer weniger eingehalten. Sie müssen über Politik berichten, informieren, politische Entscheidungen einordnen und kommentieren und uns richtig in die Pfanne hauen. Es ist gar keine Frage, dass das nicht nur Recht, sondern auch Pflicht ist, natürlich nur, wenn es etwas in die Pfanne zu hauen gibt.

Viertens: Guter und solide recherchierter Journalismus weiß um seine Grenzen, denn er ist niemals im Besitz der absoluten Wahrheit. Medien präsentieren nicht die ganze oder die unverfälschte Wahrheit, sondern immer nur einen Ausschnitt, eine denkbare Perspektive, eine mögliche Betrachtungsweise. Wie es Herbert Riehl-Heyse mahnend formuliert hat: "Wahrheit ist ein großes Wort. Es gibt sie natürlich nicht rein und unverfälscht, und wer behauptet, er allein besitze sie, gegen den sollte man all sein Misstrauen mobilisieren." Das gilt auch für beide Seiten in unserem gemeinsamen Gewerbe.

Schließlich fünftens: Von Medien darf erwartet werden, dass sie Reflektions- und Orientierungswissen ermöglichen. Doch es gibt - speziell in den elektronischen Medien, aber keineswegs nur dort - Entwicklungen, bei denen nun wirklich Zweifel angebracht sind. Ich meine: Privates Fernsehen ist gut und schön. Öffentlich-rechtliches Fernsehen ist natürlich immer viel besser, vor allem, wenn es vom Bayerischen Rundfunk kommt. Schmuddelfernsehen aus dem "Dschungel-Camp" oder von der "Burg" findet indes auf der nach unten offenen Niveau- und Geschmacksskala statt.

Auch das muss, finde ich, einmal deutlich werden. Bedient werden vermeintliche Bedürfnisse des Publikums, während die gesellschaftliche Verantwortung der Medien völlig in Vergessenheit gerät. Aber es gibt sie - auch für diejenigen, die derartige Programme machen.

Es ist also eine lohnende Aufgabe besonders für Tageszeitungen, ein Gegengewicht zu setzen und einer Form des Journalismus wieder zu seinem Recht zu verhelfen, der seine öffentliche Funktion wirklich erfüllt, nämlich zu informieren, auch zu kontrollieren, zu kritisieren und damit zur Meinungsbildung und zur richtig verstandenen Integration der Gesellschaft beizutragen.

Ich würde mich sehr freuen, wenn der neue Riehl-Heyse-Preis diese notwendige Debatte in den Medien und unter den Journalisten beförderte und man vielleicht diejenigen für potenzielle Auszeichnungen im Auge behielte, die sich in diesem Sinne verdient machen. Der politische Essay des ersten Preisträgers ist jedenfalls ein gelungenes Beispiel für Qualitätsjournalismus. Deswegen möchte ich auch von mir aus Anerkennung und Gratulation für Stefan Geiger aussprechen.

Ich danke Ihnen!