Redner(in): Michael Naumann
Datum: 03.02.2000

Anrede: Anrede,
Quelle (evtl. nicht mehr verfügbar): http://archiv.bundesregierung.de/bpaexport/rede/41/11841/multi.htm


Berliner Zeitung: Herr Staatsminister, die neue Berliner Kultursenatorin, Frau Christa Thoben, hat Ihnen eingeräumt, Sie könnten gerne viel in der Hauptstadtkultur mitbestimmen, wenn Sie nur viel Geld des Bundes mitbringen. Wie antworten Sie darauf?

Naumann: Zunächst einmal: Ich freue mich, dass Frau Thoben und ich in einem guten und konstruktiven Arbeitsverhältnis miteinander stehen. Wir sind uns beide klar darüber, dass die vorhandenen Rechtsstrukturen der großen kulturellen Institutionen Berlins in einem engen Zusammenhang stehen mit den Haushaltsverfahren, gerade auch im Hinblick auf die Defizite. Ich habe nie verlangt, dass der Bund mehrheitlichen Einfluss in Personal- oder gar Programmfragen beanspruche, weil er für die Hauptstadtkultur zahlt. Das ist nicht das Ziel unserer Kulturpolitik.

Meine besondere Sorge ist allerdings, dass ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, da die Regierung nach Berlin kommt, hier eine Art haushaltsinduzierte Kulturkrise aufbricht. Einer meiner Vorschläge, den die Kultursenatorin Christa Thoben aufgegriffen hat, war es, durch neue rechtliche Konstruktionen die verantwortliche Eigenbewirtschaftung unter Aufsichtsräten in den grossen Berliner Häusern zu ermöglichen. Das schlösse auch außerstaatliche Aufsichtsratsmandate ein. Zum Beispiel könnten erfolgreiche Geschäftsführer kulturnaher Firmen mit ihrer Erfahrung betriebswirtschaftliche Klarheit und Effizienz in das Kulturmanagement dieser Stadt einbringen. Das ist durchaus kein häretischer Vorschlag, sondern wird in vielen Städten zum Vorteil der Kunst schon praktiziert.

Es hat eine Menge mit Betriebspsychologie zu tun: Wenn Sie zum Beispiel eine Oper führen mit einem strikten Haushaltsdeckel, ist das gesamte Team zur künstlerischer Solidarität verpflichtet. In Berlin erleben wir an manchen Stellen das Gegenteil. Denken Sie an die Deutschen Oper. Aus aller Welt reist ein Schönberg-Publikum zur Premiere von "Moses und Aron" in die Bundeshauptstadt; und dann fällt eine millionenschwere Erstinszenierung beinahe aus - durch orchestriertes Schwänzen, fataler Weise gedeckt mit ärztlichen Attesten. Das kenne ich noch aus meiner Schulzeit. Ein weiteres Problem sind Verteilungswege der so genannten "Extramuggen" der Musiker - eine stehende Redensart in dieser Stadt, aber leider hochproblematisch.

Die kausale Verbindungskette zwischen ordentlicher Betriebsführung und hochwertiger Kunst zu thematisieren, gilt zu Unrecht als banausenhaft. Aber woher stammt der gute Ruf der exzellent geführten, nicht defizitären Stuttgarter Oper?

Gibt es feste Vereinbarungen zwischen Ihnen und Frau Thoben?

Fest steht jedenfalls, dass die zugesagten 100 Millionen Mark direkter Kulturföderung des Bundes nicht in Frage stehen. Für 2001 wollen wir dann über weitere besondere Verantwortungen des Bundes verhandeln, wobei das Jüdische Museum jetzt schon einen besonderen Rang einnimmt - der Bund wird den Etat dieses Hauses wahrscheinlich mehrheitlich finanzieren.

Stellen Sie sich vor, dass bei einer Umwandlung von Orchestern oder Theatern in GmbH der Bund dort mit als Gesellschafter auftritt?

Der Bund könnte Mitgesellschafter sein. Die Frage ist weiterhin, welche Institutionen vom Bund mehrheitlich oder ganz übernommen werden können. Der Verfassungsauftrag meiner Behörde ist an die überregionale bundesweite Repräsentativität der Kulturstätten gebunden. In der Diskussion ist zum Beispiel, dass der Bund die Berliner Philharmoniker in seinen Verantwortunsbereich nimmt. Man muss darüber reden. Die Gefahren bei solchen Projekten liegen darin beschlossen, dass in Berlin eine Art Konkurrenzverhältnis zwischen Bundes- und Landesinstitutionen entsteht - mit unterschiedlichem Tarif- und Finanzierungsgefüge.

Wäre es nicht ein Traum, dass es eine echte Konkurrenz gäbe zwischen den vom Bund finanzierten Institutionen und solchen, die unter Landeshoheit stehen?

Ein Albtraum! Ich habe immer die Meinung vertreten, dass es in einer Stadt mit drei Opern nicht eine Bundesoper und zwei Landesopern geben kann, weil das zu einem unbilligen Konkurrenzverhältnis zwischen einer im Kulturetat unterfinanzierten Kommune und dem Bund führte. Das Jüdische Museum hingegen ist in der Stadt einmalig und von überregionaler Bedeutung.

Aber kann dem Besucher das nicht egal sein, Hauptsache in der Stadt passiert viel? Beispielsweise fehlt in vieler Augen eine Kunsthalle.

Wenn Sie sich Peter-Klaus Schusters Generalplanung zur Umgestaltung der Museumsinsel anschauen, werden Sie feststellen, dass eine solche Kunsthalle von selbst entstehen wird - die Neue Nationalgalerie.

Und was wird aus dem Gropiusbau?

Der Gropiusbau wird mit großer Wahrscheinlichkeit zur Stiftung Preußischer Kulturbesitz kommen - aber in einer noch offenen Nutzungskombination mit der Bundeskunsthalle in Bonn und anderen musealen Institutionen in ganz Deutschland, die Wanderausstellungen in Berlin zeigen wollen.

Wie realistisch ist das ehrgeizige Ziel, die Museumsinsel schon binnen zehn Jahren zu sanieren?

Ich habe mir abgewöhnt, finanzpolitische Prognosen anzustellen. Entscheidend ist: Der Wille der Bundesregierung ist bekannt, das zu schaffen. Die Finanzierung ist zumindest für die beiden Startjahre gesichert. Das ist schon mal was. Es liegt ja nicht nur an mir und nicht nur am Bund, sondern auch an den Ländern, die versuchen müssten, auch ihre Beiträge zu erhöhen. Es gilt anzuerkennen, dass es sich bei der Stiftung Preussischer Kulturbesitz nicht um ein Objekt des "kulturellen Zentralismus" oder gar des "Museums-Chauvinismus" handelt, sondern um die Erneuerung eines kulturellen Erbes, das dem ganzen Land gut zu Gesicht steht.

Sehen Sie in den Berliner Festspielen noch eine zentrale Aufgabe des Bundes, die Festspiele waren ja mal so ein Kind der Teilung...

Das Schöne an den Festspielen ist, dass sie nicht nur die Signatur der deutschen Teilungsgeschichte, sondern auch die ihres Intendanten Ulrich Eckhardt tragen. Schön waren auch die ansehnlichen Subventionen, die seine Arbeit ermöglichten. Daran sollte sich auch in Zukunft nichts ändern. Eckhardts Nachfolgerin oder Nachfolger wird sich entscheiden müssen, wo neue Schwerpunkte zu setzen sind.

Trifft es zu, dass mit Gerard Mortler über die Nachfolge gesprochen wird?

Ich will nicht öffentliche Berliner Berufungspraktiken fortsetzen, die noch in jüngster Vergangenheit zu großen Verlegenheiten geführt haben. Wer geht denn aus fester Anstellung in irgendeine Stadt, in der seine Person bereits öffentlich durchdiskutiert worden ist? Diejenigen, die wirklich etwas können, befinden sich meistens nicht auf dem freien Markt arbeitsloser Kulturmanager.

Wie geht es mit dem Holocaust-Mahnmal weiter? Im Stiftungsrat gibt es, wie man hört, den erwarteten Streit um den Inhalt und die Gestalt des "Ortes der Information", der das Eisenmansche Stelenfeld ergänzen wird. Streit " nein, Debatten ja. Der Stand der Diskussion ruht auf zwei unveränderlichen Determinanten. Erstens, das Mahnmal wird gebaut; zweitens, auch der Ort der Information wird gebaut. Beides ist vom Bundestag beschlossen und muss vom Kuratorium der Stiftung realisiert werden. Der Vorsitzende, Wolfgang Thierse, hat vorgeschlagen, dass eine Museumsexpertenrunde dem Kuratorium einen Vorschlag unterbreitet, was in diesem Ort der Information gezeigt werden soll. Eine solche Empfehlung wird dann im Kuratorium logischerweise noch mal diskutiert, kontrovers oder nicht, und dann wird abgestimmt. Mit dem Ergebnis wird dann der Architekt konfrontiert; er wird ihn umsetzen. Über das Resultat seiner Arbeit wird dann das Kuratorium gewiss noch einmal abstimmen. Dem folgt der bautechnische Ablauf des Projektes.

Was soll nach Ihrer Ansicht in der Informationsstätte zu sehen sein?

Das Denkmal, so sah es das Parlament, soll erklärt werden. Wie diese Erklärung aussieht, werden berufene Experten in Zusammenarbeit mit thematisch verwandten Institutionen in Berlin herausarbeiten. Diese haben jeweils andere Aufgaben, so dass es inhaltliche Doppelungen nicht geben wird. Die Wannseevilla ist vor allem eine Lernstätte für Pädagogen mit einem durchschnittlichen Durchlauf von höchstens 300 Besuchern täglich. Der Auftrag der "Topografie des Terrors" ist es, den polizeilichen Terrorapparat des Dritten Reiches darzustellen, nicht die Geschichte des Holocaust. Das Jüdische Museum widmet sich der 2000-jährigen Geschichte des deutsch-jüdischen, konfliktreichen Zusammenlebens. Die Rolle des Holocaust wird dort natürlich auch thematisiert werden - in welcher Form, werden die Experten des Jüdischen Museums und des "Ort der Information" miteinander abzustimmen haben.

Ich gehe davon aus, dass das Mahnmal in seiner architektonischen Einmaligkeit jährlich etwa eine Million Besucher haben wird. Wahrscheinlich die Hälfte wird in den Ort der Information gehen, um zu wissen, wofür das Mahnmal steht. Der Architekt Eisenman ist der Meinung, dass es sich jeglicher Repräsentationsinhalte entziehe, es stehe "für nichts". Damit meinte er das philosophische Nichts, den Abgrund, das Inkommensurable des Holocaust. Im Zentrum seines Mahnmals steht, theoretisch gesprochen, der Verlust jeglicher ethischer, moralischer oder gar ästhetischer Plausibilität. Das will das Denkmal widerspiegeln. Eisenman versucht in allen seinen Werken einen architektonischen Begriff von verloren gegangenen Sinnzusammenhängen. Das ist auch die Absicht dieses Stelenfeldes, eine tiefe Irritation durch Raumerlebnisse zu vermitteln. Ästhetisch ist das alles hochinteressant, aber möglicherweise nicht ausreichend, um einen Bezug zum Holocaust jenseits einer glatten Namensgebung aufrechtzuerhalten. Darum soll es diesen Ort der Information geben.

Die Mahnmal-Debatte wird immer wieder philosophisch verknüpft sein mit den historischen und geistigen Ursachen des Holocaust, mit dem großen ethischen Versagen der so genannten politischen Moderne. Diese Debatte manifestiert sich auch in dieser Architektur. Wir bewegen uns gleichsam in einem komplexen kulturkritischen Diskurs, in dessen Mittelpunkt ein millionenfacher Mord liegt.

Was war der Grund dafür, die Stiftung als unselbstständige so rasch ins Leben zu rufen?

Wir wollten so schnell wie möglich anfangen zu arbeiten. Der Übergang von der unselbstständigen Stiftung in eine Bundesstiftung ist nach Zustimmung des Bundesrates juristisch in schnell vollzogen. Wir sind schon jetzt ein halbes Jahr von der Abstimmung im Parlament entfernt.

Wie wollen Sie in Zukunft neonazistische Demonstrationen am Mahmal verhindern?

Ich bin gegen eine Bannmeile in Berlin, aber eine Bannmeile für Idioten wäre die Lösung - allerdings nur theoretisch. Das meine ich jetzt im heraklitischen Sinn des idiotes, also desjenigen, der sich selbst außerhalb der Gesellschaft platziert. Der Berliner Oberverwaltungsrichter, der die Demonstration des vergangenen Wochenendes genehmigt hat, muss sich zwei Fragen gefallen lassen. Ich stelle sie ihm nicht als Mitglied der Exekutive, sondern als ein normaler Bürger. Was ist sein Verfassungsverständnis? Weiß er nicht oder will er nicht wissen, dass die neonazistischen Gruppen bei jedem öffentlichen Auftreten kontinuierlich die Gesetze brechen? Das Demonstrationsrecht erlaubt aber nicht den geplanten Bruch von Gesetzen. Diese Demonstration genehmigt zu haben, signalisiert für mich - bei aller Wertschätzung der Unabhängigkeit der Gerichte - eine erstaunliche Kurzsichtigkeit. Dass hier, wenige Tage nach Einweihung des Holocaust-Mahnmals hunderte von grölenden Neonazis durch das Brandenburger Tor marschieren dürfen, zeigt mir zweierlei. Erstens, wir sind ein liberaler Staat. Aber zweitens zeigt dies auch, wie akut die Frage bleibt, ob der Vertrag, den die Gesellschaft, mit sich selbst in der Verfassung geschlossen hat - zur Verteidigung der Menschenwürde, der Freiheit und Gerechtigkeit - aber auch der Freiheit der Meinungsäußerung - denjenigen symbolisch ausgeliefert werden darf, die es sich zur Aufgabe machen, genau diese Freiheit, wenn sie an der Macht wären, abzuschaffen? Und da lautet meine Antwort: Besser nicht. Denn auch der symbolische Schutz der Verfassung ist Teil unserer Rechtstaatlichkeit. Alles andere soll dem politischen Prozess überlassen sein.

Wollen Sie noch ein Wort sagen zu den demonstrativen Abwesenheiten bei der Eröffnung der Mahnmal-Baustelle?

Nun, ich finde, jede Abwesenheit spricht für sich selbst. Manchmal auf eine besonders heftige Weise.